Im Antrag der GAL* geht es um Vorbilder und Helden. Und es geht um Jungen und Mädchen mit einer migrantischen Lebensgeschichte. Und es geht um einen Scheinriesen – dem Antrag selbst.
Doch zunächst einmal ein paar sachliche Anmerkungen:
Das Projekt HEROES soll Jungen und Mädchen die Möglichkeit geben, sich von Machtstrukturen zu distanzieren, indem die Männerrolle im Kontext der Ehrenunterdrückung problematisiert wird. Es geht darum, die Grenzen, die die Ehrenkultur für sie setzt, zu überwinden. Hierfür werden im Rahmen von Trainings Stärken und Fähigkeiten erlangt. Außerdem lernen die Jungen, sich für die Menschenrechte ihrer Schwestern und Freundinnen einzusetzen. Schauspieler und Theaterpädagogen leisten hierzu in Berlin bereits gute Arbeit: Die Jungen lernen, ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus zu bekämpfen. Denn ihr Leben ist oftmals geprägt von massiver Ausgrenzung und von Demütigungserfahrungen. Wer in der Mehrheitsgesellschaft keine Anerkennung findet, fühlt sich nicht ausreichend gewürdigt. Deswegen muss die Mehrheitsgesellschaft Angebote machen.
Hierzu gehört andererseits aber auch, zu lernen, welches die Werte und Themen sind, die für ein Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar sind und für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Mädchen und Jungs, Frauen und Männern. Letztlich ist es das Ziel, zu vermitteln, dass sich jeder Jugendliche Respekt dadurch erarbeitet, dass er sich gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre einsetzt.
Daher ist der Antragstext nicht nur schön geschrieben, sondern spricht sich für eine wichtige Sache aus, die sich lohnt, in unserer Metropole eingeführt zu werden. Sehr positiv ist, dass auch die Auseinandersetzung mit der oft homophoben Sichtweise unter Jugendlichen stattfindet.
Etwas widersprüchlich ist in diesem Zusammenhang aber, dass es immer noch keine Ansätze für das seit längerem geplante, schwule, Jugendzentrum gibt. Es gibt nicht wenige, die befürchten, dass das Projekt der desaströsen und unehrlichen Haushaltspolitik des schwarzgrünen Senats zum Opfer fallen wird. Es ist weiterhin fraglich, wie das unbedingt erforderliche Gegenstück eines derartigen Projekts, eine aktive und verbindliche Mädchenarbeit, stattfindet. Ich erinnere daran, dass die Mehrheit der Bürgerschaft vor einigen Monaten den Antrag der Fraktion DIE LINKE nach einer verbindlichen Mädchenarbeit abgelehnt hat, als sie die verbindliche Jungenarbeit beschlossen hat.
Auch in Neukölln, wo das Projekt Heroes in Berlin stattfindet, wurde beklagt, dass die Mädchenarbeit ein Nischendasein führt und sich weitgehend in Näh- und Kochkursen widerspiegelt.
Alle Erfahrungen in Zusammenhang mit zwangsverheirateten Mädchen, auch und insbesondere mit der vor zwei Jahren in Hamburg ermordeten 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal, zeigen aber, dass es auch und vor allem die Mädchen sind, die befähigt werden müssen, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien. Dieser notwenige Akt der Emanzipation muss ebenso von der Mehrheitsgesellschaft gefördert werden, wie die Veränderung von Leitbildern bei männlichen Migranten.
Ich komme zurück auf den Scheinriesen. Der Antrag kommt im Text ja wirklich gut daher. Vermutlich hat die GAL-Fraktion schon eine Gute-Laune-Pressemitteilung fertig verfasst, in der sie sich selbst für ihre Initiative lobt.
Nur ist es leider so, dass der Beschlusstext so was von larifari ist, dass es völlig unerheblich ist, ob wir den Antrag hier heute beschließen oder nicht. „Prüfen“ kann man immer, „zeitnah berichten“ heißt alles oder nichts. Der schwarzgrüne Senat wird vermutlich als Prüfsenat in die Geschichte Hamburgs eingehen. Wir setzen daher wenig Hoffnung in diese wohl unverbindlichste aller Absichtserklärungen der Drucksache 19/6243. Der Antrag ist nicht das, was er glauben machen will, und erhält deswegen zu Recht von der Linksfraktion den Titel eines Scheinriesen.
Wenn Sie Zeit finden, sehr geehrte Herren und Damen, dann lesen Sie noch mal bei Jim Knopf nach. Herr Tur Tur ist der besagte „Scheinriese“: Je weiter man von ihm entfernt ist, desto größer sieht er aus. Nur wer sich ganz nah an ihn heran wagt, erkennt, dass er genauso groß ist wie jeder normale Mensch.
Aber es kann ja auch sein, dass sich der Antrag positiv – wie bei Jim Knopf – auswirkt: Als sich Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer in der Wüste „Ende der Welt“ verirren, hilft ihnen Herr Tur Tur nämlich heraus. Später wird Herr Tur Tur dann ein lebendiger Leuchtturm für Lummerland, damit der Postbote nicht immer mit seinem Schiff mit der Insel kollidiert.
Daher stimmen wir dem Antrag auch zu und werden kontinuierlich nachhaken, ob er möglicherweise mal einen Leuchtturmcharakter für die Freie und Hansestadt Hamburg einnimmt.
Besser als alle anderen Leuchtturmprojekte des Senats wäre das allemal.
*Antrag der GAL "Gewaltpräventionsprojekt Heroes", Drucksache 19/6243