21. Januar 2009

Sport ist eben nicht nur Bindeglied, Sport ist zugleich auch Abbild bestehender Verhältnisse

Rede Dr. Joachim Bischoff
- Es gilt das gesprochene Wort -

Es ist sicher positiv zu bewerten, wenn VertreterInnen der den Senat tragenden Parteien "überzeugt sind von der zentralen gesellschaftlichen Funktion des Sports" (s. im 1. Absatz). Doch schon im zweiten Satz des Antrages wird der Sport allzu einseitig als ein "wichtiges gesellschaftliches Bindeglied in einem zunehmend von Individualismus geprägten Gemeinwesen" bezeichnet (s. im 2. Absatz).

Nein, Sport ist eben nicht nur Bindeglied, Sport ist zugleich auch Abbild bestehender Verhältnisse, in Deutschland also einer vorrangig von Gewinnstreben und Individualismus geprägten Gesellschaft. Das ist keine sophistische Wortklauberei, sondern führt zu der Frage, welchen Sport wir genau meinen und welchen wir mehr, weniger oder womöglich auch gar nicht fördern wollen.

Es kann nicht sein, dass SpitzensportlerInnen - insbesondere im Fußball - immer höhere, schwindelerregen-dere Gehälter bekommen, die mit Vernunft und Bodenhaftung nichts mehr zu tun haben. Wir finden solcherart Entwicklungen gerade in den Disziplinen, die über ihre mediale Präsenz den zunehmenden Show- und Event-Charakter unterstreichen.

Es kann andererseits nicht sein, dass in der Freien und Hansestadt Hamburg bis heute Sportunterricht in Ermangelung von ausreichenden Lehrerkapazitäten ausfällt, von der oftmals geträumten "dritten Turn-stunde" einmal ganz abgesehen. Es kann nicht sein, dass die in diesem Hause schon des öfteren kritisierte, zum Teil wirklich desolate Situation der Schulturnhallen, der Lehrschwimmbecken und so manches Sportplatzes hin-genommen, bagatellisiert oder in Mäuschenschritten angegangen wird.

Wir müssen also genau hinsehen, was wir angesichts begrenzter Haushaltsmittel stärker fördern, was weniger und was womöglich überhaupt nicht. Unter diesem Blickwinkel ist das im Antrag formulierte Ziel, Spitzensport und Breitensport "gleichrangig zu fördern" (s. im 3. Absatz), natürlich in Frage zu stellen, aus meiner Sicht auch abzulehnen.

DIE LINKE spricht sich ganz klar dafür aus, die Voraussetzungen für den Sport, allgemeiner: die aktiven Bewe-gungsmöglichkeiten gerade in der Großstadt zu verbessern. Dabei geht es um Lust und Laune, Gesundheit und Entspannung, aber auch um Leistung und Ehrgeiz, Anerkennung und Integration. Vorrang sollten bei der staatlichen Förderung also diejenigen Bereiche erfahren, die dieser Zielsetzung dienlich sind.

Anders gesagt: Was wir weniger brauchen, ist der millionenschwere Neubau einer "kombinierten Pferdebahn" in Horn.

Was wir dagegen stärker brauchen, sind beispielsweise erheblich günstigere Eintrittspreise in den verbliebenen Schwimmbädern, sind neue und gepflegte Sportanlagen und Hallen in den Bezirken.

Was wir weniger brauchen, jedenfalls nicht in der vom Senat angestrebten Dimension, sind die millionenschweren Event- und Großveranstaltungen wie die Universiade und Masterturniere.

Was ist das für ein Aberwitz, anlässlich einer anvisierten Schwimmweltmeisterschaft in Hamburg für mehr als 20 Millionen Euro sozusagen aufblasbare Wettkampfanlagen zu schaffen, die anschließend nicht einmal der Verbesserung der katastrophalen Schwimmhallensituation zugute kommen?

Was ist das für ein hanebüchener Unsinn, die von Zehntausenden wirklich breiten- und freizeitsportlich bestens angenommene und genutzte Eisbahn in den Wallanlagen womöglich zu verkleinern, um Platz zu machen für eine "Wellenreit-Gegenstromanlage"? Das zumindest sieht einer der drei in die engere Auswahl gezogenen Beiträge eines Wettbewerbes zur Umgestaltung der sanierungsbedürftigen Anlage vor.

Wenn vom Senat oder auch in dem vorliegenden Antrag wiederholt die "Vision einer europäischen Sportmet-ropole" (s. im 3. Absatz) gezeichnet wird, dann darf dies nicht zu einer "Verstandortung", d.h. zu einer Veren-gung des Blicks auf den Nutzen des Sports alleine für die Gewinnung von Sportgrößen und internationalen Sportfans und TouristInnen führen.

Die Vision einer wirklichen Sportstadt Hamburg, so wie sie uns vorschwebt, sind phantastische Turn-, Sport-, Schwimm- und sonstige Anlagen, die kostenfrei bzw. zu sehr günstigen Eintrittspreisen allen zur Verfügung stehen, auch und gerade den gesellschaftlich benachteiligten Gruppen

Dies voraus geschickt, unterstützen wir selbstverständlich den Grundtenor des vorliegenden Antrages. Es ist mehr als überfällig, umfassende und belastbare Daten zur hamburgischen Sportentwicklung zu erheben und in eine mittel- bzw. langfristige Sportentwicklungsplanung einzubetten. Das war ja gerade eines der größten Probleme in den vergangenen Jahren, dass der Senat den Eindruck machte, Sportpolitik nicht nur an den falschen Prioritäten zu orientieren, sondern zum Teil auch noch unsauber zu arbeiten. Nehmen wir nur das seit mittlerweile drei Jahren währende Bemühen, endlich eine computergestützte Datenerhebung und -verwaltung bei der Vergabe von Hallenzeiten auf den Weg zu bringen. Für versierte Hacker wahrscheinlich eine Angele-genheit von zwei Wochen.

Die Fraktion der LINKEN schließt sich den AntragstellerInnen an, eine Bestandsaufnahme des hamburgischen Sports vorzunehmen, die hiesige Situation mit anderen Städten zu vergleichen und für die nötige Arbeit ex-terne Kapazitäten einzubeziehen. Ausdrücklich unterstützt DIE LINKE, die Beteiligten aus dem Hamburger Sportgeschehen aktiv einzubeziehen. Das darf sich nicht auf die Verbandsfunktionäre beschränken, das muss in einem vernünftigen Maße auch die Sporttreibenden, die Menschen aus den kleinen und größeren Vereine, den Schulen und Hochschulen etc. einbeziehen.

Es darf eben nicht so sein, wie im Falle der Eisbahn "Große Wallanlagen" geschehen, dass mal eben eine europaweite Ausschreibung rausgeht, ohne dass die Wünsche und Interessen der EisbahnnutzerInnen auch nur erfragt, geschweige denn evaluiert wurden.

Datenerhebungen und Planungen sind ein vernünftiges Anliegen. Sie müssen von ihrer Ausrichtung und den Ergebnissen her allerdings den Menschen vor Ort nutzen, also den Hunderttausenden Hamburger Sporttreibenden. Kombibahn und Hotelgäste, Weltmeisterschaften und VIPs sind da zweit-, wenn nicht gar drittrangig.

Und nicht zuletzt: Was nützen die schönsten Daten, solange die Mittel für den Sport gekürzt oder eben auf der Basis falscher Prioritätensetzung ausgegeben werden? Den Hamburgern und Hamburgerinnen jedenfalls nicht.