10. Dezember 2008
Die CDU macht sich Gedanken um den Geschichtsunterricht an unseren Schulen.
- Es gilt das gesprochene Wort -
Die CDU macht sich Gedanken um den Geschichtsunterricht an unseren Schulen. Ausgangspunkt ist eine Schülerbefragung vom 9.11.2007 in Berlin, Brandenburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Hamburg hat daran nicht teilgenommen. Das hätten sie fordern können - haben sie aber nicht. Stattdessen hinterfragen sie die Bildungspläne in einer Großen Anfrage und der Senat hat geduldig und ausführlich geantwortet.
Wir sind es gewohnt kurz und knapp abgefertigt zu werden. Zu erwarten wäre gewesen: Hamburger Bildungsserver, vielleicht noch mit Internetadresse. Dabei hätte ein Blick in die Lehrpläne wirklich genügt. Und das ist auch wirklich interessant. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass Geschichtsunterricht mehr ist, als nur dürres Anhäufen von Fakten und Zahlen.
Wenn die Schüler und Schülerinnen nicht wissen, wann die Mauer gebaut wurde, kann man eben nicht den Schluss daraus ziehen, dass sie keine Ahnung von der Geschichte Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg haben.
Die Ziele für Geschichte und Politik für Haupt- und Realschulen an Hamburger Schulen konzentrieren sich auf 4 Fähigkeiten:
- Demokratiekompetenz
Auseinandersetzung mit historischen und gegenwärtigen Normen und Wertvorstellungen und Überprüfung an eigenen Wertorientierungen im Rahmen der humanen Grundsätze unseres Gemeinwesens.
Der 1. Teil der Umfrage beschäftigt sich mit der Frage was die SchülerInnen über die DDR und die BRD denken. Z.B. sollte eingeschätzt werden "In der DDR konnte jeder schreiben und sagen, was er wollte". Im Durchschnitt antworten 84,1 % mit nein - in den alten Bundesländern 86,1 % und in den östlichen Bundesländer mit 82,8 %. Nur 5% bzw. 5,2 % bejahen diese Frage. Da kann doch keiner von einer verfehlten Wertorientierung sprechen.
- Geschichtsbewusstsein
Sinnbildungen über Zeiterfahrungen und Fragen, die die Gegenwart an ihre Vergangenheit stellt.
Fragen wie "Solidarität und Nachbarschaftshilfe in der DDR war eine Folge von Mangel und Not" tragen schon in sich eine Bewertung und werden dem Fragekomplex "Wie die Schüler DDR und BRD im Systemvergleich finden" nicht gerecht. Über große Strecken geht es dem Forschungsverbund der FU Berlin offenkundig nicht darum heraus zu finden, was Jugendliche denken sondern vorrangig darum, ob sie die politische Sicht der Fragenden teilt. Da läuft vieles unterschwellig und ist das Gegenteil von Reflexion, was in den Rahmenplänen angestrebt wird.
- Orientierungswissen
Grundlegendes Sach-, Problem- und Strukturwissen.
Die wenigen Fakten, die abgefragt werden findet man im Teil 3 unter "Zuordnungen von Politikern zu BRD und DDR." Gefragt wird nach Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Erich Honecker, Willy Stoph und Egon Krenz .
Allein mit Personen ist eine Übersicht über Sachverhalte, Strukturen und Kontexte sicherlich nicht herzustellen. Und befragt wurden Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Da ist kein Wunder, wenn über ¼ bei Erhard, Schmidt, Pieck und Ulbricht angibt, sie nicht zu kennen. Bei Stoph und Krenz sind es sogar über die Hälfte. Interessant ist, dass die Jugendlichen über Adenauer, Brandt, Kohl und Honecker ganz gut Bescheid wussten. Das spricht doch für Geschichtsunterricht im Kontext.
Ich habe mich gefragt, wie wohl die Ergebnisse gewesen wären, wenn Erwachsene gefragt worden wären. Ich glaube nicht, dass die Ergebnisse treffsicherer gewesen wären.
- Urteilskraft
Perspektivenwechsel und das kritische Selbstbewusstsein soll gefördert werden.
Dieser Grundsatz für den Geschichtsunterricht an Hamburger Schulen hätte der Befragung vom 9.11.2007 wirklich gut getan. Die CDU führt in ihrer Großen Anfrage die Gedenkstätte Hohenschönhausen und den Film "Das Leben der Anderen" an. Die Antwort spricht doch für Hamburger Lehrer und Lehrerinnen: Von 73 Schulen besuchten 63 Klassen Gedenkstätten im Zusammenhang mit der Stasi und an 50 Schulen wurde der Film im Rahmen des Unterrichts eingesetzt. Viele SchülerInnen gingen im Klassenverband ins Kino.
Wenn ich dagegen in der Befragung lese, dass 10.2 % der Westberliner Jugendlichen noch nie im Ostteil der Stadt waren, dann muss an dieser Stelle etwas getan werden. Über 1/5 gibt an, dass in der Schule das Thema DDR nie behandelt wurde. Ich weiß nicht, wie groß die Diskrepanz zwischen Rahmenplan und Unterrichtsgeschehen in Hamburg ist. Dass es auch hier eine gibt, davon gehe ich aus.
Trotz aller Methodenvielfalt im Unterricht ist das Haupt-Medium des Geschichtsunterrichts weiterhin das Geschichtsschulbuch. Ulrich Arnswald vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main hält vor allem die Schulbücher zur deutschen Geschichte für problematisch. Arnswald hat parallel zu der Schülerbefragung 63 Geschichtslehrbücher analysiert - und fand heraus: "Gerade die Bücher aus der Zeit direkt nach der Vereinigung behandeln die DDR mehr oder weniger unter ferner liefen." Eine angemessene Berücksichtigung des ostdeutschen Staates ist die Ausnahme. Die Schulbücher hängen hier deutlich hinter der Forschung zurück. "In den vor 2001 erschienenen Lehrbüchern verweisen die Autoren zum 17. Juni 1953 ausschließlich auf Publikationen aus der Vorwendezeit", weist Arnswald nach.
Dabei gibt es durchaus positive Beispiele: Die Bücher "Geschichte und Geschehen" und "Zeiten und Menschen" erzählen DDR- und bundesdeutsche Geschichte parallel. Die Autoren vergleichen etwa, wie die DDR und die Bundesrepublik mit den nationalsozialistischen Verbrechen umgingen. Die Selbstdefinition der DDR als "antifaschistischer Staat", mit der die Regierenden sich aus der Verantwortung stahlen und eine Wiedergutmachung verweigerten, wird der "Schlussstrichmentalität" der Westdeutschen gegenübergestellt. Natürlich gibt es nicht für jedes westdeutsche Thema eine ostdeutsche Entsprechung, aber es geht darum zu zeigen, wie sich ein ost- und westdeutscher Staat gebildet und gegenseitig beeinflusst haben. So hängt der Beginn der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre eng damit zusammen, dass die DDR begann, ihre Grenze nach Westen abzuriegeln.
Außerdem sollte nach Ansicht der Geschichtslehrer die deutsche Geschichte stärker in internationale Zusammenhänge eingebettet werden. Zeitgemäße Lehrpläne können schlecht daran vorbeigehen, dass mittlerweile in den Schulklassen der großen Städte viele Lernende nichtdeutscher Herkunft sitzen. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Bodo von Borries spricht davon, dass Lehrer häufig mehr "Immis" als "Ossis" unterrichten.
Er hofft, dass die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe in die Überlegungen der Kultusminister mit einfließen: "Wenn die Lehrbücher den veränderten Bedürfnissen nicht angepasst werden, stehen die Chancen für einen besseren Geschichtsunterricht schlecht." Inwieweit die Schulen aber neue Geschichtsbücher anschaffen können, das hängt allein davon ab, wie es um ihre Finanzen steht.
Das dürfte in Hamburg ja kein Problem sein. Wenn die Eltern Büchergeld zahlen haben sie auch Anspruch auf gute Bücher.
Die CDU fragt "Was wissen Hamburgs Schüler?"
Ich frage: "Was will die CDU"?
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