29. Mai 2008

"Ehrenmorde": Wir benötigen einen kulturellen Systemwechsel

Rede in der Hamburgischen Bürgerschaft am 29. Mai 2008 anlässlich des Mordes an der 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal in Hamburg durch ihren Bruder.

Persönliche Vorabbemerkung: Diese Rede wurde laufend von CDU-Abgeordneten unterbrochen. Sobald das Protokoll der Bürgerschaftssitzung vorliegt, werde ich meine dort festgehaltene Rede samt Zwischenrufe und meine jeweiligen Einwendungen noch einmal hier abbilden. Das dauert erfahrungsgemäß ein paar Wochen.

Wir sind uns in der Beurteilung, was das Strafmaß für den Mord angeht, einig - da darf es keine Gnade geben. Aber ich möchte schon gern wissen, was die CDU-Abgeordnete Maraschel damit gemeint hat, wenn sie sagt, da habe ein Mensch aus einer anderen Kultur unsere Gesetze mit den Füßen getreten. Ich kann mir schon denken, was sie damit sagen will, und das finde ich falsch.

Bei vorsätzlichen Gewaltdelikten geht es um Macht – und vor allem um die Angst vor Macht- und Statusverlust. Da können sich die Juristinnen und Juristen oder die Politikerinnen und Politiker noch so darüber zerstreiten, was wohl die besten Maßnahmen wären, um sie zu verhindern. Es muss mehr Prävention betrieben werden. Es müssen mehr Schutzräume her und sicherlich kann man die Hürden höher legen, wenn künftig eine schriftliche Abmeldung von der Schule verlangt wird und eine telefonische nicht mehr ausreicht. Aber verändert das das Ego eines gedemütigten Mannes? So ist auch die Form der Bestrafung relativ müßig – ob Herr Vorschau alle Männer aus Europa ausweisen will, die keine Achtung vor Frauen haben, oder der Stammtisch verlangt, dass die deutsche Staatsangehörigkeit nachträglich aberkannt werden soll. Es reicht auch nicht, wie Herr Schalthoff das in seiner Talkrunde mehrfach einforderte, jetzt ganz konkret etwas zu tun. Leider liegt das Problem tiefer, es ist grundsätzlicher.

Ich verstehe Prävention umfassender: Die Geschlechterrollen sind auch in dieser Gesellschaft und in anderen Kulturen immer noch sehr unterschiedlich verteilt. Und die Prägung der geschlechtlichen Identität und das daraus abgeleitete Rollen- und Selbstverständnis wird sehr frühzeitig herausgebildet.

Wir werden nicht als Mädchen oder Jungen geboren, wir werden dazu gemacht, heißt in feministischen Kreisen – und das stimmt. Auch in dieser Gesellschaft darf ein Junge eher aggressiv sein als ein Mädchen. Er darf mit schmutzigen Hosen nach Hause kommen und er muss sich nicht so vorsehen wie ein Mädchen, weil er mit Sicherheit niemals Lackschuhe oder ein rosa Röckchen mit weißen Strumpfhosen tragen wird. Als meine Kinder noch in die Kita gingen, habe ich da durchaus Jungen erlebt, die neidisch auf die Kleidchen der Mädchen waren – aber als dann ein Junge tatsächlich das Kleid eines Mädchen anzog, wurde er ausgelacht. Ein Mädchen muss niedlich sein, ein Junge muss wild sein – die Attribute, die in der Regel schon den Allerjüngsten auferlegt werden, sind tief in dieser Gesellschaft verankert.

Mir geht es nicht darum, Gleichmacherei zu betrieben. Ganz im Gegenteil. Ich werfe die Frage auf – worauf wir mehr schauen sollten: Auf das Geschlecht und auf seine gesellschaftliche Bestimmung oder darauf, was ein Mensch an individuellen Fähigkeiten mitbringt, was er leisten kann und will, wo seine persönlichen Schwächen und Stärken liegen.

Die Frage ist zudem, wie es Jungen und Männern beizubringen ist, dass sie Versagen, Demütigungen oder Frustrationen anders bewältigen lernen als mit Gewalt. Die Frage ist aber auch und vor allem, wie Mädchen und Frauen von dieser Gesellschaft als wirklich gleichgestellt akzeptiert werden und wie das Bild der Familie künftig definiert wird.

In der Hauptsache sind es die Mädchen, die zu einem Verhalten erzogen werden, dass sie im Zweifel sie nicht wehrhaft genug macht. Aber so wie es heute bereits kleinen Kindern vermittelt wird, wie sie am besten Mitschnackern begegnen, durch ein klares „Nein!“, muss es auch eine gesellschaftliche Akzeptanz dafür geben, dass Mädchen nicht nur süß und brav sind und die allerbesten Noten schreiben.

Integration heißt für mich, dass ich es als Gewinn betrachte, wenn verschiedene Kulturen zusammenkommen – nicht nur bei ausgewählten Feierlichkeiten, Straßenfesten oder sportlichen Wettkämpfen, sondern im Alltag. Und deswegen fordere ich ein radikales Umdenken, einen kulturellen Systemwechsel.