21. Januar 2009

Positionen zur Schulstruktur-Reform

Gerade im Nachgang zum gescheiterten Volksbegehren wurde in der AG Bildung, der GEW und der Volksinitiative um die Haltung zur schwarz-grünen Schulreform hart gerungen.

Folgende Ausgangspositionen:

  1. Die gesamte Schulreform befindet sich im hypothetischen Raum. Es gibt keine Senatsvorlage, kein von der Bürgerschaft beschlossenes Gesetz.
  2. Zur Zeit wird nur über Strukturfragen diskutiert. Inhaltliche Fragen bleiben auf der Strecke. Rahmen-, Lehrpläne oder Curricula sind noch nicht einmal im Ansatz entwickelt. Die Raumfragen sind ungeklärt.
  3. Im Mai sind die Regionalen Schulkonferenzen abgeschlossen. Vorausgesetzt, deren Ergebnisse haben Einfluss auf die Behördenentscheidungen, dann ist noch offen ob alle Gymnasien erhalten bleiben oder Stadtteilschulen werden. Ob Sondermodelle „Alles unter einem Dach“ sich durchsetzen ist noch ungeklärt.
  4. Ausnahmegenehmigungen wie die von der CDU geforderten für die Humanistischen Gymnasien würden eine Lawine lostreten. Die bekannten Reformschulen wie Max Brauer, Winterhude, Erich Kästner oder Albert Schweitzer würden eine gleiche Behandlung einfordern.
  5. Da weiterhin unklar ist ob und wann und wie die Schulreform kommt, stellt sich die Frage, ob diese Situation ein Schleifen bestehender Gesamtschulen und der o.g. Reformschulen rechtfertigt.
  6. Zwei Verschiebungen hat es bereits gegeben. Entgegen dem Koalitionsvertrag wird die Stadtteilschule parallel mit der Primarschule eingeführt – also ein Jahr später als ursprünglich geplant (statt 2009 in 2010). Die sechsjährige Primarschule sollte die vierjährige Grundschule 2010 ablösen. Jetzt erhalten die Grundschulen das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie ab dem Schuljahr 2010/1011 mit den 5. Klassen beginnen wollen oder erst 2011/2012.  Damit kommt die Schulsenatorin vor allem den Eltern jetziger Drittklässler entgegen. Diese fürchteten, ihre Kinder würden als Premierenjahrgang zu "Versuchskaninchen" einer übereilten Reform. Für diesen Jahrgang gilt nun weiterhin die Möglichkeit, die Kinder ab Klasse 5 aufs Gymnasium oder in die Stadtteilschule zu schicken.
    Diese Regelung meint die CDU wenn sie für die Aktuelle Stunde formuliert:
    Primarschule: neue flexible Übergangsregungen – eine gute Lösung für Eltern sowie Schülerinnen und Schüler.

    Das Problem liegt darin, dass die Einführung der Primarschule nicht generell verschoben wird, sondern nur an den Grundschulen, die sich dafür entscheiden.
    Da damit zu rechnen ist, dass das die Mehrheit sein wird, ist die Einführung der Primarschule faktisch um ein Jahr verschoben  -  auf das Wahljahr!

    Die Frage ist, ob die Einführung der Stadtteilschule und des Gymnasiums nun doch 2010/2011 eingeführt wird. Die Gefahr ist, dass das CDU – Modell vollzogen wird und die GAL-Variante mit der 6-jährigen Grundschule nicht umgesetzt wird.
    Für den Fall eines neuen Senats Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot würde genau das passieren.
  7. Da die Gymnasien nach der Einführung des Abiturs nach 12 Jahren und der geplanten Primarschule 3 Jahrgänge verlieren würde, ist der Widerstand in diesen Schulen besonders heftig.  Vorschläge, die 4.-6. Klasse oder am besten noch eine ganz Primarschule bestimmten Schulen zuzuordnen hat die Senatorin bisher abgelehnt.
    Sie vertritt immer noch die Idee, dass jedes Kind von jeder Primarschule auf ein Gymnasium oder eine Stadtteilschule für das die Eltern sich entscheiden, gehen können. In den Regionalstrukturkonferenzen werden aber intensiv über Zuordnungen gestritten.
  8. Zur Zeit können Eltern nach der 4. Klasse entscheiden, welche Schulart ihr Kind  besucht. Schon die Wahl des Standortes kann nicht garantiert werden. Das Wohnort- und Geschwisterprinzip hat Priorität. Zwischen der 5. und 6. Klasse werden viele SchülerInnen von Gymnasien abgeschult. Nach der 6. Klasse entscheidet die Zeugniskonferenz. Letztendlich gelangt von einem Jahrgang 30 % direkt zum Abitur.
    Sozialdemokraten und Rechtskonservative werfen der Schulsenatorin vor, den    Elternwillen nicht zu respektieren.  Die Regelung sieht vor, dass die Zeugniskonferenz nach der 6. Klasse der Primarschule entscheidet, wer zur Stadtteilschule und wer zum Gymnasium geht. Im Prinzip ist es die gleiche Regelung wie jetzt, das Problem ist nur, dass beide Schularten zum Abitur führen – einmal nach der 12. Klasse und das andere Mal nach der 13. Klasse.
  9. Das Konzept der Primarschule ist getragen von der Idee des längeren gemeinsamen Lernens. Eine äußere Differenzierung, in „homogene“ Lerngruppen und höhere und schwächere Leistungsniveaus, wird damit ausgeschlossen. Die CDU hat jetzt  genau dies in die Diskussion um die Primarschule eingebracht. Beabsichtigt ist eine Aufteilung in „Doofe“ und „Schlaue“ spätestens ab Klasse 4 in den drei Hauptfächern.

Ich denke wir müssen anstreben, dass unser Schulsystem in Hamburg entwicklungsfähig bleibt. Am und im Schulsystem muss es Veränderungen geben. Daran kann es keinen Zweifel geben. Was sich zur Zeit in Hamburg abspielt ist ein Schul-Klassenkampf. Eine mächtige und finanzstarke Minderheit verteidigt ihre Privilegien mit Zähnen und Klauen.

Sie wollen nicht, dass ihre Kinder und Enkel gemeinsam mit „Schmuddelkindern“ in die gleiche Schule oder sogar die gleiche Klasse gehen. Deswegen wird der Konflikt so heftig ausgetragen. Privilegien abgeben tut eben weh!

Wir müssen auf der einen Seite aufpassen, dass wir nicht mit der Kritik aus dieser rechten Ecke gemeinsame Sache machen und auf der anderen Seite dürfen wir unser Ziel für eine Schule für Alle – eine wahrlich jahrhundertealte Idee! – nicht aus dem Auge verlieren oder gar für noch mal 100 Jahre unmöglich machen.

Deshalb muss deutlich werden, dass wir gegen das Zweisäulenmodell sind. Es manifestiert das gegliederte Schulsystem.

Eine 6-jährige Grundschule kann der Einstieg ist längeres gemeinsamen Lernen sein, wenn

 

  1. die Primarschule nicht als Langform eingeführt wird
  2. die Wahl der Primarschule mit einer sozialen Ausgrenzung einhergeht
  3. Ernst gemacht wird mit Lernen in heterogenen Klassen und es keine äußere Differenzierungen gibt.

Die Schulreform muss dringend durch inhaltliche Konzepte und wirksame Lehrerfortbildung geprägt werden.
Eine Schulreform ohne zusätzliche Lehrerstellen und Sozialpädagogen ist zum Scheitern verurteilt.