Männer sterben durchschnittlich sieben Jahre früher als Frauen. Sie erleiden mehr Unfälle, rauchen und trinken mehr, sterben überproportional oft an einem Herzinfarkt – sind aber seltener krank geschrieben. Und wenn, dann viel häufiger als Frauen wegen Schlafstörung und Rückenschmerzen. Und obwohl bundesweit die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen ansteigen, haben Depressionen und andere psychische Erkrankungen bei Männern höchste Dunkelziffern.
Ist Mannsein ein Gesundheitsrisiko?
Obwohl Frauen in der Gesundheitsversorgung und -erforschung auf vielen Feldern benachteiligt sind, ist das kein Grund bei der Männergesundheit die Hände in den Schoß zu legen. Suchtkrankheiten, Suizide, spezielle Krebse, Gewaltexzesse untereinander sind männerspezifisch und unterliegen oft einem Tabu. Oder aber: es wird als manntypisch angesehen, dass sie sich betrinken und dann raufen.
Vor wenigen Tagen hat die neue Rechtsregierung in der Bundesrepublik eindeutige Schwerpunkte in ihrem Koalitionsvertrag gesetzt: "Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren." Was das genau heißen mag, lässt sieim Unklaren. Mit dem Bekenntnis des Merkel-Westerwelle-Kabinetts drohen jedoch die Geschlechter erneut gegeneinander ausgespielt zu werden – ähnliches erlebte die Hamburgische Bürgerschaft vor wenigen Monaten: Geschlechtsspezifische Jungenarbeit wird in Hamburg künftig festgeschrieben. Die Arbeit mit Mädchen jedoch steht dazu in Konkurrenz und könnte eine Mittelkürzung erfahren.
Populärer Aufhänger der neuen Männer- und Jungenfixiertheit ist die Aussage, dass Jungs die Bildungsverlierer seien. Dass Männer den Frauen dennoch die Jobs wegnehmen und auch einer Akademikerin nach der Elternzeit das berufliche Aus droht, wird dabei gern verschwiegen. Es sind nicht die Noten, die diskriminieren, es sind die Verhältnisse. Die neoliberalen Parteien haben ein Interesse daran, zu vernebeln. Dass nach wie vor Mädchen und Frauen durch männliche Familienmitglieder missbraucht und auch getötet werden, wird sich nicht durch bessere Schulabschlüsse verändern.
John Wayne darf nicht schwul sein
Männer haben nicht nur die Macht im Land und aufgrund der patriarchalen Strukturen viele Privilegien: Sie müssen auch zur Bundeswehr, sie werden als Väter vielfach nicht ernstgenommen und finden oft schwer oder gar nicht in diese Rolle hinein: In der Kleinkindbetreuung sind sie immer noch Exoten. Und auch ein Bekenntnis zur eigenen Homosexualität fällt vielen Männern heute immer noch schwer – aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. Denn es fehlen nicht nur andere Vorbilder, nämlich solche, die nicht einem John-Wayne-Stereotyp entsprechen. Was mindestens genauso fehlt, ist die gesellschaftliche Anerkennung von „unmännlichem“, menschlichem Verhalten. Denn das Patriarchat ist strukturell angelegt und es braucht viel Kraft und Selbstvertrauen, sich dagegen zu stellen. Immer noch werden „Schwuchteln“ verlacht und „Weicheier“ diskriminiert.
Schwule Männer unterliegen in besonderem Maße der gesellschaftlichen Ausgrenzung, auch wenn langsame Veränderungen zu beobachten sind. Schwule erscheinen in der Werbung und in Vorabendserien – ohne als zu belächelnde „Tunte“ dargestellt zu werden. Nichtsdestotrotz bilden aber Schimpfworte und körperliche Angriffe weiterhin die Realität ab, besonders in ländlichen Gebieten. Dies macht auch keinen Halt vor Prominenten.
So ist es zum Beispiel unter Fußballern immer noch verpönt, schwul zu sein. Und warum ist dies so? Weil die Sportwelt von einem homophoben Konsens geprägt ist. Nicht allein die Leistung zählt, sondern genauso die Vermarktbarkeit, sprich das Image. Wie reagieren Trainer und der DFB (Deutsche Fußball Bund), wie die Sponsoren? Ich fordere alle homosexuellen Profifußballer auf, sich endlich zu trauen und offen zu bekennt. Viele schwule Fans und auch Eltern schwuler Kinder werden dankbar sein! Genauso fordere ich aber auch den DFB, in Hamburg den FC St. Pauli und den HSV auf, Banner in die Stadien zu hängen, die antihomophobe Stimmung verbreiten. Beim Antirassismus wurde an dieser Stelle bereits viel gelernt, also – weiter so!
Muss der Mann immer zur Verfügung stehen – und wem?
Eine Schlüsselrolle spielt die Familie, die angeblich kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie ist mitnichten demokratisch, sondern legt die Strukturen für Rollenverhältnisse und Denkweisen: Wer verdient, wer versorgt? Zwar werden die beiden Vätermonate von einem Teil der Männer genommen, aber es ist noch lange kein Selbstverständnis, dass sie gleichberechtigter Teil bei der Betreuuung des eigenen Kindes sind. Männer helfen mit, höchstens. Alleinerziehende Väter sind selten und aufgrund ihres Status doppelt benachteiligt. Studien zeigen, das Männer, wenn sie Väter werden, gern weniger Wochenstunden arbeiten würden – es aber nicht durchsetzen, nicht zuletzt weil die Einkommenseinbuße immer noch höher ist als bei der Frau. Hier müssen Männer ein neues Selbstbewusstsein entwickeln und sich stark machen für die Familie – eben nicht nur in finanzieller Hinsicht bei der Entlohnung, sondern auch für ihren Teil der Sorgearbeit. Sie bilden damit keine Konkurrenz zu den Müttern, sondern tragen zu einer gleichberechtigten Partnerschaft bei und fördern den Gleichstellungsgedanken. Die Freistellungsregelung vom Arbeitsplatz für erkrankte Kinder ist im Sozialgesetzuch dringend auszuweiten. Was steht darüber im Koalitionsvertrag?
Außerdem setzt die Berufswelt auf den allseits bereiten, den Arbeitgebern immer zur Verfügung stehenden Mann. Da verwundert es nicht, dass Männer weniger zu Ärzten und Ärztinnen gehen, eine niedrigere Krankschreibungsrate aufweisen, obwohl sie körperlich anstrengende und gefährliche Berufe ausüben oder auch kranke Kinder zuhause haben. Dennoch bleibt die Rollenverteilung hier eher klassisch. Zwickt es im Körper wird es ignoriert. Ist das Kind krank, bleibt die Frau zuhause. Elternabende werden für viele Väter erst auf dem Gymnasium attraktiv. Stärke muss gezeigt werden und die Ernährerrolle gesichert. Aber finden wir das richtig? Somit kann es auch nur eine logische Konsequenz sein, dass Frauen der Zugang zu Führungspositionen verwehrt bleibt. Die gläserne Decke oder die „Old Boys Networks“ verweigern sich den Studien, dass Frauen in Führungspositionen oft die besseren Ergebnisse erzielen. Hier werden qua biologischer Geschlechtszugehörigkeit höhere Fehlzeiten und weniger Einsatzbereitschaft wegen Doppelbelastung vermutet.
Ähnlich verhält es sich mit dem Thema „Gewalt gegen Männer“. In ihr drückt sich der Widerspruch aus: einerseits der „harte“ Täter – andererseits das „weiche“ Opfer. Dabei sind es nicht immer Frauen, die die Gewalt erleben. Welcher Mann kennt sie nicht, die Prügeleien auf dem Schulhof, die Erniedrigung bei der Bundeswehr. Die Gewalt ausübenden sind dabei in erster Linie Männer. Thematisiert werden diese Gewaltverhältnisse nicht oder nur wenig. Hier enttabuisierend zu wirken ist eine Notwendigkeit, um die gesellschaftlichen Normen sichtbar, begreifbar und überwindbar zu machen. Aber nicht, um damit feministische Positionen zu relativieren, wie es beispielsweise Prof. Dr. Gerhardt Amendt oder patriarchale maskulistische Väterbewegungen praktizieren, die vom Verdammungsfeminismus sprechen, aber selbst keine Reflexion von Machtverhältnissen erkennen lassen.
Der Kapitalismus muss spalten, um zu herrschen: In arm und reich, in weiblich und männlich. Männer nehmen ebenso wie Frauen eine aktive Rolle beim Überwinden der Geschlechterrollen ein. Tun sie dies nicht, werden Frauen weiterhin und verstärkt eine Doppellast tragen müssen. Lippenbekenntnisse allein bringen uns nicht weiter, sondern ein aktives Verändern ist die Bedingung für ein Zusammenleben in tatsächlicher Gleichstellung. Und auch das aktive Einstehen für gleiche strukturelle Rechte ist Teil des aktiven Prozesses. Denn so lange es Lohnunterschiede gibt und genauso das Ehegattensplitting, so lange werden auch Männer ihre Privilegien nicht abgeben. Männer müssen sich mehr trauen, Mensch zu sein. Sich nicht der Macht des Geldes zu unterwerfen und den Unternehmern Paroli zu bieten, wenn sie mit ihrer unmenschlichen Produktionsweise – Leistungsverdichtung, Überstunden, Psychostress, befristeten Arbeitsverträgen, Kündigungen, in Betrieben Familien und durch Gesundheit der Menschen zerstören. Daher sollten sich auch Männer wieder aktiv zu den Betriebsratswahlen engagiere, die 2010 bundesweit stattfinden – und sich in den Gewerkschaften wieder mehr einbringen.
Kersten Artus