4. November 2009

Waren Patienten am UKE gefährdet? Ein (vorläufiges) Resümee

Die hohe Anzahl an Leiharbeit im UKE nährt die Skepsis an einer an Patienten und Patientinnen ausgerichteteten Personalstruktur.

Das Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) ist ein Schmuckstück für Hamburg: Großer Arbeitgeber, moderne Medizin und Forschung. Wäre da nicht die „Pannenserie“ (Mopo) nach dem Umzug in das neue Klinikum im Mai 2009 gewesen – das UKE würden makelos da stehen. Der Schmutzfleck auf der weißen Klinikweste war ein an die Öffentlichkeit gelangter interner Beschwerdebrief von 15 ärztlichen Direktoren des UKE, gerichtet an den Vorstandsvorsitzenden Professor Dr. Jörg Debatin.

Seine Inhalte schreckten Bevölkerung und Politik auf: Operationen und Bettenbelegung seien schlecht koordiniert gewesen. Ärzte und Pflegepersonal müssten zu viel Zeit für die neue Computersoftware aufwenden.Wegen des großen Patientenandrangs gleich nach dem Umzug in das neue Klinikgebäude sei es zu Überlastungen gekommen. In der zentralen Notfallaufnahme fehlten wichtige Instrumente. Das alles zusammen habe eine unmittelbare Gefährdung der Patienten zur Folge gehabt. Der Aufstand legte sich schnell: Der Brief wurde zwei Tage später kleinlaut zurückgezogen, Debatin dementierte jegliche Patientengefährdungen. Doch der Skandal war perfekt, das öffentliche Ansehen des Vorzeigeklinikums ramponiert.

In das UKE fließen Millionen Steuergelder, da war es nur angebracht, dass sich in den kommenden Monaten der Wissenschaftsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft mit den Vorfällen befasste und dazu den Vorstandsprofessor einlud: Debatin marschierte zu jeder Sitzung ins Rathaus, räumte selbstkritisch Fehler und Versäumnisse ein und berichtete von einer umgehend eingesetzten internen Task Force, die Unzulänglichkeiten in der Notfallaufnahme, bei der IT, in der OP-Steuerung, im Sterilisatonsbereich und beim Bettenmanagement untersuchte. Er stellte Zwischenstände und Ergebnisse vor, berichtete von Fortschritten und Erkenntnissen. Das interne Beschwerdemanagement wurde erläutert und hoch gelobt. Patientengefährdungen, so seine stete Bewertung, habe es nie gegeben.

Es fand ein widersprüchlicher und spannungsgeladener Annäherungsprozess zwischen Bürgerschaftsabgeordneten – Regierungparteien und Opposition – und dem UKE-Vorstand statt. KeinWunder: Wissenschaftsenatorin Herlind Gundelach vermied jede Form der Moderation oder Aufklärung und überließ dem Manager Debatin weitgehend das Wort. So stellten Linke und SPD ihre Fragen mehr an den Professor als an die Senatorin. 

Die Medien, vor allem das Hamburger Abendblatt begleiteten diese Sitzungen mit Berichten, das Abendblatt deckte einige dramatische Einzelfälle auf, die dann jeweils beim Wissenschaftsausschuss thematisiert wurden. Beschäftigte und Angehörige von Patienten und Patientinnen wandten sich an mich in der Hoffnung, dass auch ihre Beobachtungen und ihre erlebten Vorfälle mit verstorbenen Familienmitgliedern im UKE öffentlich würden. Auch diese wurden angesprochen: Eine Spenderniere sei im Mülleimer gelandet, einem Krebspatienten seien Schmerzmittel verabreicht worden, gegen die er allergisch war, in der Notfallaufnahme fehlte ein Beatmungsschlauch, es hätte Ungereimtheiten mit Blutkonserven gegeben. Mit der Kritikfähigkeit schien es doch nicht zum Besten bestellt: Pflegepersonal sollte unter Androhung von Abmahnungen seine Überlastungsanzeigen nicht mehr an den Vorstand schicken, sondern an eine betriebliche Hierarchie darunter. Linke und SPD fragten hartnäckig nach und erhielten gegenteilige, ausweichende oder gar keine Antworten.

Fakt ist. Alle Menschen machen Fehler, auch medizinisches Personal. Egal in welcher Gehaltsklasse. Das UKE hat zudem aufgrund seiner Größe und Umfänglichkeit schwer kranke, oft auch unheilbar kranke Menschen in Behandlung. Die Todesfälle kommen deswegen auch überproportional häufig im Verhältnis zu anderen Krankenhäusern vor. Fakt ist auch: Wer emotional belastet ist, versteht möglicherweise vielleicht sachliche Gründe nicht, die zum Ableben eines geliebten Menschen geführt haben. Aber: Das Kranken- und Pflegepersonal erlebt große Belastungen auf den Stationen, auch aufgrund von Unterbesetzung. Die hohe Anzahl an Leiharbeit im UKE nährt die Skepsis an einer an Patienten und Patientinnen ausgerichteteten Personalstruktur. Doch das UKE weigerte sich, der Forderung der Linken nach Bettenschließungen nachzukommen. Stattdessen hieß es immer wieder: Patientengefährdende Fehler habe es nicht gegeben. Was in Anbetracht des Umzugs-Chaos, der Beschäftigtensituation und des Beschwerdebriefes der leitenden Ärzte kaum zu glauben ist. Auf der letzten Wissenschaftsausschusssitzung gab der Managerprofessor Debatin schließlich zu, dass der Ansturm auf das neue UKE nicht genug voraus geplant worden sei. 

Die Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach hat sich in dieser Situation als schlechte Krisenmanagerin herausgestellt. Denn unumstößliche Beweise wären nötig gewesen, die Glaubwürdigkeit des UKE-Managements zu erhöhen – zum Beispiel durch ein unabhängiges, neutral erstelltes Gutachten. Stattdessen präsentierten Senat und UKE-Vorstand als Gutachter Professor Dr. Martin Schrappe, der zwar renommiert ist und sich anerkannt in der Patientensicherheit hervorgetan hat. Aber er wurde vom UKE mit 6000 Euro für seine Expertise bezahlt, nicht von der Stadt. Dass sich beide Professoren gut kennen, war den Abgeordneten vorher ebenfalls nicht bekannt. In seinem Gutachten lobt Schrappe das UKE, das dortige Beschwerdemanagement und seine gute Reflexion, mit Fehlern umzugehen. Lediglich ein Patient musste ein zweites Mal narkotisiert werden, Schäden seien aber nicht zurückgeblieben.

Der Wissenschaftsauschuss entschied Ende Oktober 2009, die Selbstbefassung mit dem UKE zu beenden. Bis zum nächsten Umzug? Bis zum nächsten Brief? Bis zur ... ?

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