Woran sterben ältere Menschen in Hamburg? Selten am Alter, ergab eine neue Studie aus Hamburg. Eine Expertenbewertung der Ergebnisse räumt mit mehreren Mythen über das Altwerden auf: So ist es nicht das eigene Zuhause, wo hilfsbedürftige Senioren und Seniorinnen am besten versorgt werden. Auch wenn Pflegeheime oft in derKritik stehen.
Oft verwahrlosen alte Menschen in ihren eigenen vier Wänden, sterben einsam und verwahrlost. 4,8 Krankheiten hat durchschnittlich ein älterer Mensch, wenn er stirbt. Jedem zweiten Toten fehlte ein Gebiss, drei Prozent toter alter Menschen wiesen Dekubitus vierten Grades auf. Das sind schwerste Druckgeschwüre, erzeugt durch Wundliegen. Häufig sind alten Leute unter- und fehlernährt.
Das sind die Ergebnisse der Studie, die die Daten von rund 8500 Verstorbenen verwertete. Ihr Durchschnittsalter betrug 81 Jahre, Professor Dr. Klaus Püschel, Leiter des rechtsmedizinischen Instituts am UKE, oblag die Leitung. Die Pressemeldung darüber schreckte bereits Anfang Juli Hamburg auf. Der Sozial- und Gleichstellungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft lud deswegen diverse Experten- und Expertinnen am 26. August zu sich ein. Ihre Aussagen machten deutlich, dass diese Gesellschaft ihre Alten in hohem Maß vernachlässigt und wegsterben lässt.
So gilt Dekubitus gilt als der Gradmesser für die Pflegequalität. Die gute Nachricht: Dekubitus ist rückläufig, aber mit 280 Betroffenen immer noch viel zu viel. Zwar sei es, so die Aussage einer Expertin, nicht immer sinnvoll, einen Menschen in seinem Sterbeprozess immer wieder zu wenden. Aber die doch sehr hohe Zahl schwerer Druckgeschwüre machte auch diejenigen, die sich beruflich und wissenschaftlich mit dem sterben befassen, betroffen. Auch erhalten viele Ältere Magensonden – über sechs Prozent sind es, die hauptsächlich zur Vereinfachung der Pflege Sonden erhalten, denn für die spirituelle und psychosoziale Zuwendung bleibt keine Zeit. Viele Ältere haben zudem Schluckstörungen, die unbehandelt bleiben. Und nur ein Prozent der Verstorbenen hatten hochwertigen Zahnersatz im Mund.
Ältere erhalten oft zu wenig oder zuviele Tabletten oder Spritzen: Die Medikamentation in den Krankenhäusern ist oft ein Problem, weil Ältere nicht gewogen werden und das Gewicht für die Dosis oft der Maßstab ist. Professor Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse aus dem Albertinen-Krankenhaus berichtete von älteren Menschen, die unter 40 Kilogramm wiegen.
Fehlernährung ist wesentlich für Gebrechlichkeit imAlter: Eine häufige Todesursache alter Menschen ist der Oberschenkelhalsbruch. Nun haben viele Ältere Hüftprothesen, aber die Lebensqualität könnten durch bessere Ernährung verbessert, vorzeitige Tode verhindert werden –auch im Alter.
Auch die Suizidrate steigt ab dem 90. Lebensjahr dramatisch an. In Hamburg wird die Zahl vermeidbarer Sterbefälle insgesamt mit zwölf Prozent angegeben. Dazu gehören auch Tode durch infektiöse oder parasitäre Krankheiten oder durch Krebs. Alte Menschen müssen nicht, wenn sie schon ein so hohes Alter erreicht haben, vorzeitig sterben. Altern in Würde heißt: Optimale Versorgung durch Zuwendung, Zeit und Kontinuität.
Jens Stappenbeck von der Hamburgischen Pflegegesellschaft kritisierte, dass die Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung sei. Das schüre die Konkurrenz unter den Einrichtungen. Die Qualitätssicherung nach dem SGB XI sei nicht finanziert. Erforderlich ist, sagte die Professorin Dr. Vjenka Garms-Homolóva aus Berlin, ein multidisziplinäres Versorgungsteam, das auch die fachärztliche Versorgung alter Menschen, zum Beispiel in der Gynäkologie, der Orthopädie und der Zahnheilkunde, absichert. Außerdem gäbe es es erhebliche Defizite in der Schmerzbehandlung. Medizin in allen Lebenslagen muss mehr in die Ausbildung medizinischer Berufe integriert werden.
Für eine tiefere Analyse, etwa wie genau die sozialen Zusammenhänge bei den Auffälligkeiten an dem Zustand verstorbener älterer Menschen sind, benötigen Püschel und sein Team mehr Geld. DIE LINKE wird sich dafür einsetzen, dass dies trotz angespannter Haushaltslage ermöglicht wird. Für alte Menschen wird nicht genug Geld ausgegeben.
Kersten Artus
Das Wortprotokoll der Anhörung vom 26. August und die Pressemeldung sind hier und hier abrufbar. Am 8. September nimmt der Senat in der Fortsetzung des Ausschusssitzung Stellung. Sie ist öffentlich, Beginn: 17 Uhr, Rathaus.