18. August 2009

Kinderlose Frauen in Hamburg - Entlarvt ist der Mythos, dass Kinder das Leben bereichern

Frauen sind immer häufiger kinderlos. Hamburg ist dabei die traurige Spitzenreiterin aller Bundesländer, ergaben neueste Zahlen des statistischen Bundesamtes. Männer sind wahrscheinlich auch immer öfter ohne Kinder, aber darüber gibt es keine Zahlen. Warum auch: Im Kapitalismus ist es uninteressant, ob ein Mann Kinder hat, seine Erwerbsfähigkeit bemisst sich nicht an erfolgreicher Reproduktion. Männer gelten immer noch als uneingeschränkt verfügbar für Arbeitgeber. Daran ändern auch die beiden Elternzeitmonate nichts, die von knapp jedem fünften Vater nach der Geburt des Kindes in Anspruch genommen werden.

Die Entscheidung, Kinder zu bekommen, muss frei von sozialen Ängsten getroffen werden. Zukunftssorgen regulieren die Bedürfnisse nach einem Leben mit Kindern. Aber ob dies auch die Senatoren Dietrich Wersich/CDU (Soziales, Familie) und Till Steffen/GAL (Justiz, Gleichstellung) erreicht hat? Zweifel sind angebracht: Der Hamburger Senat interessiert sich nicht für die Ursachen weiblicher und männlicher Kinderlosigkeit. Das ergab eine Kleine Anfrage, die ich Ende Juli an den Senat gerichtet habe (Ds. 19/3754). Die Antwort lautete: Es gäbe keine belastbaren Aussagen, ansonsten habe man sich damit nicht weiter befasst.  

In Anbetracht der neuesten Zahlen über die Kinderlosigkeit von Frauen scheint der patriarchale Geschlechtervertrag „Mutter/Kind <–> Vater/Arbeit“ weiter an Bedeutung verloren zu haben. Aber warum? Weil Frauen immer weniger bereit sind, die Hauptlast an Betreuung und Erziehung auf sich nehmen zu wollen, vor allem nicht die besser Gebildeten? Kinderlosigkeit ist besonders bei Frauen mit hohen Bildungsabschlüssen verbreitet. Ist Akademikerinnen die Karriere wichtiger als Mutterschaft? Oder halten bildungsfernere Männer hoch gebildete Frauen neben sich nicht aus? Streben Frauen immer noch nach einem Ernährer mit mindestens gleichwertigerem oder höherem Status und Einkommen? Oder schätzen sie ihr persönliches Armutsrisiko im Falle einer Mutterschaft einfach nur realistischer ein als Realschulabsolventinnen dies tun?

Die zunehmende Kinderlosigkeit von Frauen zeigt auf, dass sich die bürgerlich-patriarchale Familienpolitik nicht an den Bedürfnissen der Frauen orientiert. Allen Kampagnen zur Förderung familienfreundlicher Betriebe zum Trotz gilt die männliche Vollzeitarbeitskraft, die Überstunden zu leisten bereit ist, als Maßstab. Betriebe mit klassischen Frauenarbeitsplätzen – Einzelhandel, Pflegeeinrichtungen, Kitas – nutzen hingegen den tarifpolitisch gespaltenen Arbeitsmarkt, um in Niedriglöhne zu manifestieren: Gleichzeitig findet paradoxerweise eine Allianz mit den auf diese Jobs angewiesenen Müttern statt.

Wenn Frauen aufgrund von Zukunftsunsicherheit und Partnermangel keine Möglichkeit sehen, Kinder zu bekommen, sind dies Zeichen einer tiefgreifenderen Spaltung der Gesellschaft, als bislang angenommen. Frauen erleben die soziale Spaltung doppelt und miteinander verschränkt: In arm und reich sowie weiblich und männlich. Nach dem Milieu, in das jemand hinein geboren wird und dem Geschlecht, ist der Bildungsgrad ausschlaggebend für den späteren Lebensweg und den Verlauf der Erwerbsbiografie: So sind überproportional viele Mütter unter jenen mit niedrigerem Schulabschluss und Arbeitslosen zu finden. Mütter haben seltener Arbeit, von der sich leben lässt: Mit Männern vergleichbare Vollerwerbsquoten finden sich vor allem unter jüngeren und älteren Frauen – nicht aber unter jenen mittleren Alters, die Kinder haben. Wer will in Anbetracht dieser Realitäten noch Nachwuchs? Auch die Einelternfamilie ist kein erstrebenswertes, weibliches Lebensmodell: 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen und diese wiederum sind überproportional oft auf Hartz IV und Sozialhilfe angewiesen. Entlarvt ist der Mythos, dass Kinder das Leben bereichern.

Die Folgen weiblicher und männlicher Kinderlosigkeit ist nicht nur ein schwerwiegender Grund für das Eintreten für mehr soziale Gerechtigkeit, es fordert auch eine radikalere Frauenbewegung, die sich auf die soziale Frage konzentriert. Denn werden Kinder erst einmal zum Luxusgut und nicht mehr selbstverständlicher Teil des Lebens, verändern sich Verhalten und Denken der Menschen nachhaltig. Untrügliche Anzeichen sind Gerichtsprozesse Geräusche empfindlicher BürgerInnen, um Kitas in ihrer Nachbarschaft zu verhindern.

Familienfreundliche Vorzeigebetriebe, Kitaplatzausbau und eine Quoten-Zielsetzung für Aufsichtsräte im schwarz-grünen Koalitionsvertrag des Hamburger Senats reichen daher bei Weitem nicht aus: Um den Trend umzukehren, muss sich Frauen- und Gleichstellungspolitik auf allen Ebenen der Landespolitik konkret und anfassbar vollziehen: Das startet bei der Ressourcenverwendung der Staatsfinanzen los (Gender Budgeting), geht über die Finanzierung von Frauenforschungsprojekten, ausreichender gesundheitlicher Versorgung am Wohnort und geschlechtsspezifischer Arbeitsmarktpolitik und hört bei verbindlicher Mädchen- und Jungenarbeit noch lange nicht auf. Die Arbeitsstelle Vielfalt, die jetzt bei der Hamburger Justizbehörde eingerichtet wird, und die die Aufhebung unter anderem von Geschlechterdiskriminierung zum Ziel hat, wird sich auf massive Anforderungen seitens der Hamburger Feministinnen und der Partei DIE LINKE einstellen müssen.

Mein Maßstab wird sein, ob eine Zentralstelle zur Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau analog der gleichnamigen Bremer Landesbehörde, (http://www.zgf.bremen.de), die bessere Entscheidung gewesen wäre, der Geschlechterdiskriminierung ein wirkungsvolles Instrument entgegenzusetzen.