Das neue TV-Format „Erwachsen auf Probe“, das ab 3. Juni 2009 von RTL ausgestrahlt wird, löst große Proteste aus: Eltern verleihen ihre Babys, damit eine Gruppe Jugend-licher an ihnen das Elternsein üben können. Diese Dokusoap ist ein Importprodukt aus Großbritannien, dem Land mit der höchsten Anzahl Teenagerschwangerschaften: 2,7 Prozent aller 15- bis 18-jährigen Mädchen bekommen dort ein Kind oder brechen die Schwangerschaft ab. In Deutschland werden 0,7 Prozent aller unter 18-jährigen Mädchen schwanger. Statistisch liegen wir damit im europäischen Mittelfeld.
Wer Babys den Stress einer Fernsehproduktion aussetzt, verdient zu Recht Kritik. Nicht umsonst gelten für Kinder strenge Maßstäbe, wenn sie vor der Kamera stehen. Doch an wen richtet sich diese Kritik: An die Eltern, die ihren Nachwuchs verleihen? An den Fernsehsender RTL? An den FernsehkonsumentInnen? An das Privatfernsehen generell?
Eltern, die ihre Kinder im Fernsehen vermarkten, sind kein neues Phänomen. Die niederländische Moderatorin Marijke Amado führte von 1990 bis 1998 in der Sendung „Mini Playback Show“ auf RTL Kinder als Sexobjekte in Form nachgebildeter Showstars vor. Auch dieses Format löste damals erhebliche Empörung aus.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention und Prophylaxe e.V. sieht in der siebenteiligen RTL-Soap „Erwachsen auf Probe“ eine Kindermisshandlung und die Verletzung der Würde der beteiligten Kinder. Sie befürchtet Bindungsstörungen und Traumatisierungen. RTL wird aufgefordert, die Sendung zurückzuziehen. Was er nicht tun wird. Stattdessen wird eine Rechtfertigung nach der anderen veröffentlicht. Überregionale Tageszeitungen befassen sich mit der Kritik und durchleuchten den scheinheilige Argumentation des Senders: Die Süddeutsche Zeitung findet „Erwachsen auf Probe“ ebenfalls nicht harmlos und fragt: „Muss alles gezeigt werden?“
Es muss nicht alles gezeigt werden. Aber die Privaten müssen immer wieder Neues bringen. Auch wenn Widerstand gleichzeitig unfreiwillige Werbung ist, wird sich spätestens an den Einschaltquoten zeigen, dass TV-Formate nur bedingt importierbar sind. Fakt ist aber auch: Es wächst eine Fernsehgeneration heran, die immer unkritischer auf der Fernbedienung herumzappt. Die Sendervielfalt impliziert: Mir muss alles geboten werden. Deswegen ist Protest wichtig und keinesfalls überflüssig. In der Konsequenz muss sich aber jedeR fragen: Wie oft bin ich eigentlich selbst nur noch Zuschauer/Zuschauerin und blicke durch das Schlüsselloch Fernsehen in die Welt?
Beim TV-Format „Erwachsen auf Probe“ geht es auch darum, zu fragen, wie privat Kinder sind? Was dürfen Eltern mit ihren Kindern alles anstellen? Wo darf man ihnen reinreden, wo nicht? Wer mischt sich heute noch ein, wenn ein Vater oder eine Mutter ihr Kind im Supermarkt anschnauzt? Was darf ein Fernsehsender – mit Erlaubnis der Eltern – mit Kindern machen? Wer setzt sich für kostenlose, öffentliche Kinderbetreuung ein?
Im Falle von „Erwachsen auf Probe“ dürfte „der Markt“ schnell entscheiden: Nach meinem Eindruck ist dieses Format todlangweilig und dürfte deswegen schnell bei den ZuschauerInnen durchfallen. Die Fragen nach dem TV-Konsum, den Auswüchsen des Privatfernsehens und dem eigentlichen Thema „Teenagerschwangerschaften“ wären aber wünschenswert weiterzuführen.