Vor genau 90 Jahren beschloss die Bürgerschaft die Einheitsschule. Seitdem will die Auseinandersetzung um Eine Schule für Alle nicht enden. Die szenische Lesung der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft soll einen Einblick in die historische Debatte um die Einheitsschule im Frühjahr 1919 geben. Dabei wird aus den Originalprotokollen der Plenarsitzungen von 1919 rezitiert.
Bereits die Konstituante von 1848 (die verfassungsgebende Versammlung für Hamburg) hatte die Errichtung der Einheitsschule vorgesehen, wurde als Verfassung aber letztlich nicht wirksam. 1848 sah ein Gesetzentwurf der Schulsynode die Einheitsschule mit einem gemeinsamen Umbau vor. Die Hamburger SPD forderte 1906/07 eine "einheitliche Schulorganisation" und die Vereinten Liberalen 1907 die Einheitsschule. Nach der Novemberrevolution 1918 wurde auf Druck des Arbeiter- und Soldatenrats und des von ihm eingesetzten Lehrerrats Mitte April 1919 von den Liberalen das "Gesetz zur Einheitsschule" eingebracht. Die Hamburgische Bürgerschaft war vor 90 jahren offensichtlich fortschrittlicher als heute und beschloss am 14.5.1919 mit dem "Gesetz betreffend die Einheitsschule" eine Schule für Alle einzuführen und kein Büchergeld zu erheben. Interessant dabei ist, wie viele und welche Argumente auch in der aktuellen Auseinandersetzung zur geplanten Schulreform sich in dieser historischen Debatte wiederfinden.
Für die damaligen Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft von 1919 sprechen und agieren in der szenischen Lesung:
Rolf Becker • Horst Bethge • Sabine Boeddinghaus • Klaus Bullan • Anja Frotscher • Julian Georg • Uwe Grund • Dora Heyenn • Ute Krabbenhöft • Anselm Lenz • Ingrid Lohmann • Norman Paech • Mathias Petersen • Herbert Schui

In keinem Industrieland der Welt hängt die Bildung der Kinder so stark vom Bildungsstand und vom Geldbeutel der Eltern ab. Schuld ist das mehrgliedrige Schulsystem. Nirgendwo sonst werden Kinder im Alter von zehn Jahren auf verschiedene Schulformen sortiert. Nur in Deutschland wird so früh über ihre Zukunft entschieden. Die Hälfte der Grundschülerinnen und Grundschüler bekommt keine angemessene Schulempfehlung. In der Regel schicken Lehrerinnen und Lehrer Akademikerkinder aufs Gymnasium. Arbeiterkinder haben bei gleicher Leistung im Durchschnitt zweieinhalbmal weniger Chancen auf eine Gymnasialempfehlung. Besonders betroffen vom selektiven Schulsystem sind Kinder von Migrantinnen und Migranten. Sie werden durch das System benachteiligt und nicht ausreichend gefördert. Behinderte Kinder sind vom allgemeinen Schulsystem vollständig ausgeschlossen und müssen auf die Sonderschule.
Die Folgen der sozialen Auslese sind fatal. Schwächen werden verstärkt, statt ausgeglichen. Das gesamte Bildungsniveau sinkt. Jeder fünfte 15-Jährige kann selbst einfache Texte nicht richtig verstehen. Jeder zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne Abschluss, ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz und ohne Perspektive fürs Leben. Jede/r zweite Hauptschüler/in bekommt keinen Ausbildungsplatz. Die Mehrheit der Deutschen spricht sich gegen die Aufteilung nach der 4. Klasse und für gemeinsames Lernen bis zur sechsten oder zehnten Klasse aus.
Die Fraktion DIE LINKE lehnt das mehrgliedrige Schulsystem ab und fordert „eine Schule für alle“ bis zur 10. Klasse, die freiwillig zum Abitur weiterführt. Voraussetzung für den Lernerfolg aller Schülerinnen und Schüler – der sogenannten „leistungsstarken“ und der „leistungsschwächeren“ - sind viel kleinere Klassen, der Ausbau zu Ganztagsschulen und mehr sozialpädagogische Betreuung. Die Bildungsausgaben müssen massiv erhöht und mehr Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden.
Alle Erfahrungen belegen: Je länger gemeinsam gelernt wird, desto besser die Ergebnisse aller. In der Grundschule driften die Leistungsergebnisse der Schülerinnen und Schüler nicht so weit auseinander wie nach der Aufteilung in verschiedene Schulformen. Viele Bundesländer wollen dagegen die Haupt- und Realschulen zusammenlegen und die Gymnasien erhalten. Dies ist aus Sicht der die Fraktion DIE LINKE keine Überwindung der sozialen Auslese, sondern zementiert die Zwei-Klassen-Bildung. Solange die Schulformen nicht qualitativ gleichwertig sind, werden die Besserverdienenden ihre Kinder auf die Gymnasien schicken.
Für die Fraktion DIE LINKE ist Bildung ein Menschenrecht. Jede und jeder muss sich umfassend bilden, individuell entwickeln und an der Gesellschaft teilhaben können. Die Fraktion DIE LINKE tritt für das Recht auf gebührenfreie und gute Bildung für alle Kinder und Jugendlichen ein – unabhängig vom Geldbeutel und vom Bildungsstand der Eltern.
Eine gut ausgestattete „Schule für alle“