Von Kersten Artus und Elisabeth Baum, gewerkschaftspolitische Sprecherinnen der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft
Der Rückgang der Geburten treibt eine besorgte Familienministerin um. Nun wünscht sich Ursula von der Leyen als Lösung verständnisvolle Arbeitgeber. Und Frauen bräuchten Mut, sagt sie, und der käme nur, wenn es gezielte Hilfen gäbe, eine gute Kinderbetreuung und eben verständnisvolle Arbeitgeber – wird sie in den Tageszeitungen vom 7. April zitiert. Das Wort zum Sonntag könnte nicht schöner klingen.
Der Appell aus Berlin wird durchschlagenden Erfolg haben. Jetzt werden sich die Manager eines Besseren besinnen und endlich ihre Herzen öffnen. Sie werden einsehen, dass ihre unflexiblen Arbeitszeiten einen Großteil der Betreuungsprobleme mit verantworten. Sie werden entdecken, dass auch Mütter Fachkräfte sind, deren Nichtvorhandensein sie seit langem beklagen. Ihr soziales Gewissen wird erwachen: Nun sehen sie es klar vor Augen: Familienarbeit vervollständigt den Menschen und reduziert ihn nicht aufs Elternsein. Das muss man als Arbeitgeber fördern und darf Eltern nicht ausgrenzen.
Schön wärs.
Weder Elterngeld und Kinderförderungsgesetz machen Arbeitsplätze familienfreundlich. Und erst recht keine Appelle. Die Tarifflucht in den Betrieben sorgt für rein produktions- und marktorientierte Arbeitsabläufe. Da sind Vollzeitkräfte mit Überstundenbereitschaft gefragt. Teilzeitjobs sind rar – und meistens zu schlecht bezahlt, als dass jemand davon leben könnte. Frau von der Leyen macht mit ihren Appellen niemandem Mut, sondern frustriert diejenigen Hunderttausende Mütter, die aussichtslos mit einem Klein- oder Schulkind versuchen, ihre Existenzgrundlage durch Erwerbsarbeit zu sichern. So bleiben die Abhängigkeiten vom Mann bestehen. Das klassische Rollenverständnis wird auch für die kommende Generation manifestiert.
Kein Wunder, dass die Geburtenzahlen zurück gehen.
Der Widerspruch, der sich in der Gesellschaft des 21. Jahrhundert immer krasser zeigt, kann nicht folgenlos bleiben. Auf der einen Seite existiert das Bild der emanzipierten, hoch qualifizierten Frau, auf der anderen Seite das auf die Familienarbeit reduzierten Mutter. Dass die Geburten zurückgehen, sollte niemanden wundern. Für mehr Kinder benötigen Frauen keinen Mut, sondern ein handfeste Perspektive, das eigene Leben mit Nachwuchs unabhängig von Einkommen eines Mannes bezahlen zu können.
Den Unternehmern ist es letztendlich egal, wer die Arbeit verrichtet: Sie haben ein ausschließliches Verwertungsinteresse an der Ware Arbeitskraft. Und sie werden immer die volle Verfügung fordern. Wenn Frauen als Versorgerin der Kinder nicht so wie gewollt zur Verfügung stehen, fallen sie eben raus aus den Erwerbsprozessen. Dieser Widerspruch in der abhängigen Lohnarbeit lässt sich nicht individuell lösen. Nur klare Grenzen – durch Gesetze, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen herbeigeführt – schaffen die Bedingungen, die letztendlich auch die Geburtenrate wieder zum Ansteigen bringen könnte. Ob Frau von der Leyen auch dafür Verständnis hat?