Leben auf der Straße – Alternativen für Kinder und Jugendliche in Bolivien und Hamburg

Am 6. Oktober veranstaltete die Linksfraktion in Zusammenarbeit mit Jürgen Sand vom Verein Hamburger Kinder- und Jugendhilfe eine Lesung mit dem deutsch-bolivianischen Schriftsteller, Erzieher und Theatermacher Stefan Gurtner. Dieser lebt seit dreißig Jahren in Bolivien und leitet dort ein Wohnprojekt für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit dem Namen „Tres Soles”. In seiner Arbeit nutzt er das Konzept des„Erzieherischen Theaters”, um sich der überwiegend traumatisierten Jugendlichen anzunehmen, mit ihnen pädagogisch zu arbeiten und eine Zukunftsperspektive zu schaffen. Seinem sehr humorvollen und selbstkritischen Beitrag konnten die etwa dreißig jungen und alten Gäste mit und ohne Migrationshintergrund sehr gut folgen. Anhand seines Berichts über das langjährige Wohnprojekt mit künstlerischen Elementen, wurde das hohe Maß an Selbstorganisation der  Bewohner_Innen deutlich. Im Anschluss an den Vortrag wurde ein Kurzfilm gezeigt, der die Theaterarbeit des Projektes dokumentierte und auch die Veränderung der Kinder und Jugendlichen, während der zweijährigen Arbeit verdeutlichte. Weiter Informationen zu dem Projekt finden sich unter: http://www.tres-soles.de/

In der anschließenden Diskussion, bei der sich auch Vertreter_innen der organisierten Straßenkinder in Hamburg, die „Momos”, zu Wort meldeten, wurde deutlich, dass es durchaus Parallelen zwischen der Lage in Hamburg und in Bolivien gibt – auch wenn die staatlichen Rahmenbedingungen deutliche Unterschiede aufweisen. So werden dem Projekt in Bolivien zwar Kinder und Jugendliche zugewiesen, doch eine staatliche Finanzierung, wie in Deutschland, ist damit nicht verbunden. Das gesamte Projekt wird durch Spenden finanziert, die durch einen kirchlichen Träger in Aachen ergänzt werden. Während des Vortrags und der anschließenden Diskussion wurde auch deutlich, wie wichtig und wertvoll Pädagog_innen sind, die unterstützen, Nähe zulassen und eine pädagogische Haltung besitzen, die eine Beziehung ermöglicht und den jungen Menschen eine Alternativen aufzeigen kann.

Abgesehen von pädagogischen Fragen diskutierten wir auch über gesellschaftliche Themen. Unter anderem berichtete Jürgen Sand von arbeitenden Kindern, die sich in Lateinamerika, Afrika und Asien organisieren und für ihre Rechte kämpfen. Vom 16. bis 18. Oktober findet zu eben diesem Thema in La Paz, Bolivien eine internationale Fachkonferenz statt, an der auch 60 arbeitende Kinder teilnehmen. Die Lateinamerikanische Bewegung der Arbeitenden Kinder (Nats) wird zudem vom 19. bis 22. Oktober tagen. Jürgen Sand wird an beiden Konferenzen teilnehmen und voraussichtlich im November davon berichten. Die Organisatoren der Lesung wollen an einem weiteren Austausch und internationaler Vernetzung arbeiten.