Das gallische Dorf : „Mut gegen Armut“ in Steilshoop

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Mut gegen Armut“ war die Linksfraktion zu Gast in der Martin-Luther-King-Kirche in Steilshoop. Pfarrer Holzbauer öffnete für eine Anhörung zu Armut von Kindern und Jugendlichen die Türen seiner Kirche. Mehmet Yildiz als kinderpolitischer Sprecher der Fraktion und Sabine Boeddinghaus als jugendpolitische Sprecherin informierten sich vor Ort über zahlreiche Themen, die die Menschen in diesem Stadtteil besonders bewegen. Knapp achtzig Gäste füllten das gemütliche Kirchenschiff.
Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, mit den Menschen in vielen Stadtteilen Hamburgs zu unterschiedlichen Aspekten von Armut und ihrer jeweiligen Lebenssituation ins Gespräch zu kommen. Und Ziel ist es, gemeinsam Bedürfnisse nach einer sozialen und kulturellen Infrastruktur zu ermitteln, aber auch Anforderungen an gute Ausbildung, Arbeit und bezahlbaren Wohnraum und vieles mehr zu formulieren.

Eine „eingeschworene Gemeinschaft“

Auf dem Podium informierten Pastor Holzbauer, der seit drei Jahren in Steilshoop arbeitet, und Petra Lafferenz, die langjährige Geschäftsführerin von Alraune, einem gemeinnützigen Bildungsträger, über die Lage im Stadtteil. Beide unterstrichen, dass Steilshoop immer noch unter einem sehr schlechten Ruf leidet, dass die Armutsquote der jungen Menschen dort bei nahezu 50 Prozent liegt, jedoch die Einwohner_innen eine „eingeschworene Gemeinschaft“ sind. Hier würde Interkulturalität beispielhaft vorgelebt, es sei unerheblich, woher man komme oder was man verdiene, es gehe um Zusammenhalt und Solidarität.

Steilshoop könne von daher nicht als „sozial arm“ bezeichnet werden, sondern als „monetär arm“. Im Sozialen seien die Steilshooper_innen vorbildlich, was eine gelingende Integration aller Religionen und Nationen angeht.

Dabei wird laut Petra Lafferenz Steilshoop seit den 1990er Jahren vom Senat gefördert – aber der Senat verteile die Gelder offensichtlich falsch. Oftmals seien in den letzten 20 Jahren Projekte eingestampft worden, obwohl sie von den Menschen vor Ort voll genutzt wurden und sehr beliebt waren. Dagegen wurden solche Projekte weiter gefördert, die an den Bedürfnissen der Steilshooper_innen vorbeigehen. Viele Beiträge aus dem Publikum bestätigten diese Einschätzung.

Ganz aktuell gelang es gerade, drohende Kürzungen bei etlichen Bildungsangeboten abzuwehren und deren sichere Förderung für die nächsten Jahre sicherzustellen. Das sei ein Verdienst ganz vieler Menschen in Steilshoop, so Petra Lafferentz.

Jugendliche unterstützen sich gegenseitig – unabhängig von Nationalität oder Konfession

Pastor Holzbauer erzählte, dass die Martin-Luther-King-Gemeinde regelmäßig von den Steilshooper Jugendlichen frequentiert und genutzt werde. Dabei berichtete er, dass die Jugendlichen alle gut miteinander auskämen und sich gegenseitig unterstützten, unabhängig von Nationalität oder Konfession.

Die Band „309 Crew“ aus Steilshoop rappte und performte eigens für die öffentliche Anhörung gemachte Texte über Gewalt, Träume und Zusammenhalt. Die Lyrics sorgten bei den Anwesenden für große Begeisterung und Respekt. Die jungen Bandmitglieder betonten, dass ihr Musikmachen ohne die Unterstützung der Gemeinde und des Hauses der Jugend nicht möglich wäre, da sie sich dort kennenlernten und ihnen das Musikequipment sowie ein Probenraum zur Verfügung gestellt werden. Dies zeigte allen Anwesenden eindrücklich, wie wichtig die Arbeit der Jugend- und Kulturzentren sind, um wirkliche Alternativen und Ausdrucksmöglichkeiten für die Jugendlichen zu schaffen.

Genau deswegen, so waren sich alle Anwesenden einig, sei Steilshoop wie ein „gallisches Dorf“, ein unbeugsamer Stadtteil, der die Auseinandersetzungen mit dem Senat nicht scheue, wenn es drauf ankäme.

Angesichts der nach wie vor hohen „Armutsquote“ bei Eltern und Kindern, angesichts nicht ausreichender Ärzteversorgung (ein einziger Kinderarzt für 3.600 Kinder , ein Hausarzt für 2.800 Menschen) und weiterführender Schulen sowie angesichts fehlender Anlaufpunkte für die Steilshooper_innen und Wegfall der Sozialbindung fast aller Wohnungen werden die Steilshooper_innen für ihren Stadtteil weiterhin aktiv sein. Auch für eine Neukonzeption ihres Einkaufszentrums traten sie auf der Veranstaltung ein.

Schlechter Ruf, engagierte Einwohner_innen

Durch das Hearing konnten wir die Bedarfe und Wünsche der Steilshooper_innen direkt aufnehmen und werden in Zukunft versuchen, die angesprochenen „Probleme“ mit klaren Forderungen gegenüber dem Senat zu vertreten, um so zu spürbaren Verbesserungen zu kommen.

Abschließend möchten wir uns herzlich bei den Besucher_innen bedanken, die offen und vor allem kämpferisch ihre Anliegen vortrugen.

Was an diesem Abend am deutlichsten wurde: Steilshoop ist ein lebendiger und kulturell vielfältiger Stadtteil mit offenen und freundlichen Menschen, ein lebenswerter Stadtteil, der sein schlechtes Image Lügen straft!