Kinderschutz: Inobhutnahmen weiter auf hohem Niveau

Hamburger Kinder werden weiterhin zu oft und zu lange in Obhut genommen. Dies ergab eine Anfrage der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft (Drs. 21/10390). Bereits im August hatte die Linksfraktion nach Sorgerechtsentzügen, Inobhutnahmen und Hilfen zur Erziehung gefragt (Drs. 21/10236). Die Ergebnisse dieser und der aktuellen Anfrage zeigen, dass die Zahl der Inobhutnahmen auf hohem Niveau verharrt. So ist die durchschnittliche Verweildauer beim Landesbetrieb Erziehung und Beratung (LEB) mit gut 3 Monaten unverändert hoch. In Spitzenbereichen hat sich die Verweildauer sogar verdoppelt: Waren im Jahr 2011 noch 31 Kinder länger als 6 Monate in Obhut, so ist die Zahl 2016 auf 66 Kinder gestiegen.

Dazu erklärt Sabine Boeddinghaus, Fachsprecherin der Linksfraktion für Jugend und Familie: „Inobhutnahmen sind keine Hilfen, sondern reine Schutzmaßnahmen für die Kinder. Deswegen sollen diese Unterbringungen möglichst nach 14 Tagen beendet werden.“ In den Augen der Linksfraktion verfestigt sich das Bild, dass die Jugendämter trotz der Einführung neuer Instrumente in der Jugendhilfe nach dem Sonderausschuss Chantal und dem PUA Yagmur abwegige Ergebnisse produzieren. „Die hohe Dauer der Inobhutnahmen entspricht nicht dem gesetzlichen Anspruch eines zügigen Clearingprozesses, sondern führt zu unverantwortlichen Parksituationen, die eine traumatisierende Wirkung haben können.“

Es werde deutlich, dass Hamburg auf Heimerziehung statt auf Pflegefamilien setzt, meint auch Mehmet Yildiz, Fachsprecher für Kinder und Sport. Yildiz sieht „übereilte Eingriffe in Familien statt Hilfen für die Familien, keine abgesicherte Hilfeplanung für den weiteren Verbleib nach der Inobhutnahme oder keine ausreichend qualifizierten Pflegefamilien, weil die Ausstattung und Förderung der Pflegefamilien unzureichend ist.“ Er erinnert daran, dass die durchschnittliche Verweildauer in Heimen bei 40 Monaten, die in Pflegefamilien bei nur 23 Monaten liege. Das liege quer zum Bundestrend und sei Ausdruck einer Jugendhilfepraxis, die um jeden Preis Fehler zu vermeiden sucht. „So werden die Systeme geschützt, aber nicht die Kinder“, meint Yildiz. „Dass mit diesem Druck unterschiedlich umgegangen wird, wird durch die erheblichen Unterschiede der Entwicklung zwischen den Bezirken deutlich. Die Ergebnisse dieser beiden Anfragen werden wir in den fachlichen Diskurs in der Enquete-Kommission einbringen.“