Meldesystem zu Kindeswohlgefährdungen: ineffektiv und realitätsfern

Die Meldungen von möglichen Kindeswohlgefährdungen haben von 2013 bis 2016 um 2.929 zugenommen – ein Plus von knapp 27 Prozent. Von fast 14.000 Meldungen mussten allerdings nur 1.057 bestätigt werden. Das ergibt eine Anfrage (Drs. 21/10831) der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. Die Zahl der Meldungen zu Null- bis Sechsjährigen ist mit 2.743 (ca. 17 Prozent) die niedrigste aller Altersgruppen, obwohl die Jüngsten dem höchsten Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Gewalt und Vernachlässigung zu werden. Dem gegenüber stehen 7.666 Meldungen zu über 14-Jährigen, die mit ca. 55 Prozent den Großteil der Überprüfungsarbeit binden.

„Das Meldewesen ist leider völlig ineffektiv“, kritisiert daher Sabine Boeddinghaus, familienpolitische Sprecherin der Fraktion. „Die Meldungen sind so unspezifisch, dass sich über 90 Prozent nach Prüfung erledigen. In den Jugendämtern wird viel Personal gebunden, das für die Beratung und Hilfe von überforderten Familien besser eingesetzt wäre.“ Jede Meldung muss überprüft werden, der Durchschnittswert ist in der Praxis allerdings deutlich höher als die eingeplante eine Stunde pro Prüfung. „Es ist nicht sinnvoll, dieses ineffektive und auf die falsche Altersgruppe abzielende Meldesystem so weiter fortzuführen“, so Boeddinghaus. „Deshalb soll es im Rahmen der Enquetekommission einen fachlichen Austausch über eine sinnvolle Umgestaltung geben.“

Auch die Angabe des Senats, die zunehmenden Meldungen seien Ausdruck erhöhter Sensibilität für den Kinderschutz, ist nicht schlüssig: „Wäre das so, müssten individuelle Meldungen von besorgten Bürger_innen, Nachbar_innen oder Verwandten einen viel größeren Anteil ausmachen“, so Mehmet Yildiz, kinderpolitischer Sprecher der Fraktion. „Auch müssten gerade Institutionen, die Kinder und ihre mögliche Gefährdung täglich im Blick haben, also Schulen und Kitas, in der vordersten Reihe der Melder stehen. Das ist aber ganz klar nicht der Fall. Die Zahlen sind eher als Abarbeitung von standardisierten politischen Vorgaben der Sozialbehörde zu sehen, nicht als Ausdruck der Realität im Hamburger Kinderschutz.“