Integration – wie geht das? Podiumsveranstaltung im Café tschai am 23. August 2018

Wer das Café tschai von Alraune kennt, der kennt auch die Antwort auf die Frage: Integration – wie geht das? Denn das Café tschai ist gelebte Integration, ein Ort der Begegnung, der von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen gestaltet und genutzt wird. Ein Ort, an dem sich Beratungsangebote nicht nur an Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch an Menschen mit besonderen Bedarfen oder Handicaps richten. In unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Folgeunterkunft für Geflüchtete gelingt Integration kulinarisch ganz ohne Barriere, heißt es sinngemäß auf der Webseite des Cafés. Und so sorgte dann auch der Cafébetrieb für eine einladende Atmosphäre, für Erfrischungsgetränke und kleine Snacks an einem schwül-warmem Sommerabend bei hitzigen Diskussionen.

Eingeladen hatte die Fraktion DIE LINKE. in der Hamburgischen Bürgerschaft, vertreten durch Dr. Carola Ensslen. Als Gäste waren Gudrun Herbst von fördern & wohnen, Bärbel Adolphs von Welcome to Wandsbek, Tahira, Jurastudentin aus Afghanistan sowie Muhieddin, Schneider aus Syrien eingeladen. Moderiert wurde der Abend von Jan Rübke, Vorsitzender der DIE LINKE. Wandsbek-Kerngebiet.

Ein vertiefender Begriffsdiskurs im Rahmen einer Podiumsdiskussion ist zwar wenig zielführend für die Frage, ob sich Menschen in einer Gesellschaft ernstgenommen und gehört fühlen. Dennoch hilft die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bedeutungsdimensionen des Begriffes beim Verständnis diskriminierender Alltagserfahrungen. Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte, aber nicht nur sie, machen solche Erfahrungen immer noch. Dies steht den Erwartungen entgegen, hier anzukommen und seinen Beitrag für eine friedliche Gesellschaft zu leisten. Dass Rassismus und Diskriminierungen alltäglich sind, bestätigen sowohl die Özil-Debatte als auch die Debatten unter dem Hashtag #metwo

Hierauf machte eingangs Carola Ensslen aufmerksam. Ihre theoretischen Beobachtungen werden sogleich von Beiträgen aus dem Publikum und von Gästen des Podiums bestätigt. Beengte Wohnverhältnisse, kein freies WLAN, fehlende Privatsphäre, abgelegene Orte öffentlich-rechtlicher Unterbringung und schließlich fehlender sozialer Wohnraum erschweren das Ankommen erheblich. Hinzu kommt, so bestätigte Gudrun Herbst, dass häufiger Wohnortwechsel die Integration erheblich beeinträchtige. Die Umsetzung der Bürgerverträge, die vorsehen, dass Unterkünfte Perspektive Wohnen (UPW) schnell auch für weitere Bedarfsgruppen zur Verfügung stehen sollten, seien problematisch, da erst kürzlich dort eingezogene Geflüchtete ihren neuen Wohnort inklusive des Schulumfeldes der Kinder schon wieder verlassen müssten.

Aus dem Publikum wurde klar formuliert: Wer Integration ernst meint, der definiert diesen Begriff nicht mit Blick auf eine Bringschuld derjenigen, die es zu integrieren gilt. Diese einseitige Betrachtungsweise des Themas vernachlässigt, dass ebenso die aufnehmende Gesellschaft Leistungen vollbringen muss, die Alltagsrassismus und Diskriminierung jedweder Colour entgegenwirkt. Carola Ensslen fasst zusammen: „Integration meint die vollumfängliche Teilhabe an allen zentralen Bereichen unserer Gesellschaft, womit man sich zwar begrifflich dem Inklusionsgedanken sehr stark annähert, da dieser aber von der UN-Behindertenrechtskonvention geprägt ist, ist die Verwendung unterschiedlicher Begriffe sinnvoll.“

Dass Integration als Prozess zu verstehen ist, der nicht zwangsläufig mit Harmonie und Homogenität einhergeht, dies veranschaulichte Tahira, die inzwischen Jura an der Universität Hamburg studiert. Ressentiments anderer Studierender, aber auch Skepsis und Distanz ihr gegenüber machen deutlich, dass sich in manchen Teilen unserer Gesellschaft jeder am ehesten sich selbst der nächste ist. Das Anliegen gleichberechtigter Teilhabe geht eben auch mit Konflikten einher. Vieles muss neu ausgehandelt werden. Im positiven Sinne sind es die Gesellschaft verändernde Konflikte. Gelingt dies nicht, gibt es soziale Probleme und Desintegration. Dies betrifft keinesfalls nur Geflüchtete, sondern auch MigrantInnen, die bereits hier geboren sind, aber auch Menschen mit Handicaps etc. Moderne Migrationsforscher wissen auch: Innergesellschaftliche Konflikte sind gesunderhaltend, denn sie bringen zum Ausdruck, dass Probleme gewaltfrei in einem öffentlichen Diskurs ausgetragen werden, ein Zeichen für eine lebhafte demokratische Kultur.

Um die soziale Spaltung nicht noch weiter zu vertiefen, ist es wichtig, soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Insbesondere auch auf dem Arbeitsmarkt müssten Zugangsmöglichkeiten erschlossen werden, die es allen Geringqualifizierten ermöglichten, einer auskömmlichen Beschäftigung nachzugehen, wie Bärbel Adolphs betont. Berufs- oder ausbildungsbegleitende Sprachkurse seien notwendig. Dies käme auch Muhieddin zugute, der zwar ausgezeichnet schneidern kann, der aber das häufig vorausgesetzte Sprachniveau B2 noch nicht erreicht hat.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Insbesondere Hamburg hat jahrzehntelange Erfahrungen mit Migration. Carola Ensslen betont, dass Hamburg daher auch für andere (Bundes-)Länder eine Vorbildfunktion einnähme. Ob Hamburg dieser Rolle gerecht werde, das werde sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, antidemokratischen Entwicklungen, Diskriminierungen und Rassismus entgegenzuwirken. Das Café tschai zeigt, dass es klappen kann!