Schulpflicht? Schulzwang? Recht auf Bildung!

Die schwierige Lage des bundesdeutschen Schulsystems drückt sich auch darin aus, dass immer wieder Kinder und Jugendliche sich den Lehranstalten entziehen. Ihre Gründe sind vielfältig. Oftmals sind sie unter dem Druck und dem Stress krank geworden, zusammengebrochen oder reagieren mit Widerstand. Auch in Hamburg sind die von der Behörde für Schule und Berufsbildung erfassten Zahlen von „Abwesenheiten“ in den letzten Jahren gestiegen. Offiziell unterliegen wegen „Absentismus“ 240 junge Menschen sozial- und sonderpädagogischen Fördermaßnahmen. Diese Maßnahmen greifen aber erst, wenn die Behörde „wichtige Gründe“ des Fernbleibens anerkennt. In der Regel geschieht dies erst, wenn ein ärztliches Gutachten die Kinder psychiatrisiert.

Die Belastungen für betroffene Familien sind enorm, nicht wenige zerbrechen daran. Ihnen wird die Durchsetzung der Schulpflicht auferlegt. Eltern sehen sich gefangen zwischen dem gesetzlichen Gebot einer gewaltfreien Erziehung und der Geltung des Schulgesetzes, das ihnen vorschreibt, gegen den erklärten Willen ihrer Kinder zu handeln. Gegen sie können polizeiliche Maßnahmen eingeleitet werden – es droht eine Geldstrafe oder ein halbes Jahr Haft, bisweilen auch der Entzug des Sorgerechts und eine Unterbringung ihrer Kinder in Heimen!

Konsequenz der Schulpflicht und des Schulzwangs, der behördlich angeordneten Zuführung zum Unterricht, sind die Einschränkung elementarer Grundrechte wie der körperlichen Unversehrtheit, der Freiheit der Person oder der Unverletzlichkeit der Wohnung. Die Würde der jungen Menschen wird angetastet, sie dürfen ihre Persönlichkeit nicht frei entfalten und sind vor dem Gesetz nicht mehr gleich.

Zwang ist ein allgegenwärtiges Element der heutigen schulischen Bildung – und grundlegender Bestandteil der Erfahrung vieler junger Menschen! Gepaart mit Angst und Leistungsdruck kann Zwang das Gelingen nachhaltiger Bildung verhindern. Das oftmals hohe Engagement des Lehrpersonals kann selten den Leidensdruck der Schüler_innen mildern.

Doch statt die Institution Schule den Bedürfnissen der Schüler_innen anzupassen, werden diese in das Schulsystem gepresst und passend gemacht. Sofern sie nicht in oftmals kostspieligen Privatschulen eine Alternative finden, haben sie kaum einen anderen Weg, als sich unterzuordnen. Erkrankungen, Stressbelastung und Ausfallerscheinungen sind allgegenwärtige Realität für Schüler_innen. In ihren Rechten massiv eingeschränkt werden Kinder durch die Schulpflicht zu Objekten eines Bildungsapparats, dessen Ungleichheit, Undurchlässigkeit und defizitäre Ausstattung seit langem allerorten deutlich ist. Ihr Wohl und ihre Bildung stehen selbst zur Disposition.

Wir wollen die Wirklichkeit des Systems Schule öffentlich diskutieren. Expert_innen sollen die Debatte um Alternativen zum deutschen Schulmodell – dessen hoher Zwangscharakter in Europa einmalig ist – fachlich unterfüttern. Gegen schnell einschnappende Urteile sollen ehemalige freilernende Betroffene zu Wort kommen. Auf Basis guter Argumente kann über Potenziale eines Rechts auf Bildung diskutiert werden.

Der Fachtag bietet die Möglichkeit, anhand der Widersprüche der Schulpflicht Vorstellungen eines humanen, auf den Rechten der Kinder und Jugendlichen basierenden allgemeinen Schul- und Bildungssystems zu entwickeln.Fachtagung der Fraktion DIE LINKE am 28. und 29. September 2018 in Zusammenarbeit mit der Initiative „Frei sich bilden“ Hamburg und dem Jugendparlament Hamburg im Hamburger Rathaus.

 

Programm

 

Freitag, 28. September:
19:00   Filmabend: „Being and Becoming“ mit anschließendem Gespräch

Samstag, 29. September:
9:00   Beginn
9:30-10:00   Einführung ins Programm
10:00-11:00   Vortrag „Schulrechtliche Situation in Deutschland“: Jost von Wistinghausen (Rechtsanwalt)
11:00-12:00 Vortrag „Folgen der Durchsetzung der Schulpflicht“: Karen Kern (Lernbegleiterin) und Franziska Klinkigt (Psychologin)
12:00-13:00 Vortrag „Freiheit und Selbstbestimmung als Grundlage eines gelingenden Bildungsprozesses“: Philip Kovce (Philosoph)

13:00-14:30   Mittagspause

14:30- 15:30 Parallele Arbeitskreise
– Wie könnte eine Öffnung der Schulpflicht aussehen (Karen Kern, Freilerner Solidargemeinschaft e.V.)
– Die Struktur der Schule von heute analysieren: Der geheime Lehrplan (Tanja Gwiasda und Simon Meißner, Initiative „Frei sich bilden“ Hamburg)
– Junge Freilerner erzählen (Bruno Lehmann und Kristin Lehmann, Bundesverband Natürlich lernen! e.V.)

15:30-16:00   Kaffeepause

16:00-17:00 Parallele Arbeitskreise:

– Hilfe oder Kontrolle? Rolle der Behörden, Therapeuten, Schule bei Problemen (Franziska Klinkigt, Psychologin)
– Visionen einer besseren Schule und Wege dahin (Sunny Kapoor, Jugendparlament und Simon Clemens, Autor)
– Aufgaben der Eltern bei alternativen Bildungswegen (Erik Vater, Bundesverband Natürlich lernen! e.V.)

17:00-17:30   Gemeinsamer Abschluss, danach Café

Der Eintritt ist frei.
Die Veranstaltung ist barrierefrei erreichbar.

In Zusammenarbeit mit der Initiative “Frei sich bilden” und dem Hamburger Jugendparlament