Sorgerechtsentzug und Heimerziehung: Jugendämter auf Abwegen

Hamburgs Jugendämter greifen immer stärker in die Rechte der Kinder und Jugendlichen und ihrer Eltern ein. Das belegt eine Anfrage (Drs. 21/10236) der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. So haben sich die Eingriffe in das elterliche Sorgerecht in den letzten fünf Jahren fast verdreifacht, in einigen Bezirken sogar verzwanzigfacht.

„Die Zahlen dokumentieren eine erheblich gewachsene Bereitschaft, bei erzieherischer Überforderung von Eltern nicht nur zu helfen, sondern gleich auch das Sorgerecht ganz oder teilweise zu entziehen“, erläutert Sabine Boeddinghaus, jugendpolitische Sprecherin der Fraktion. „Der offenbar dafür verantwortliche politische Druck ist in einigen Jugendämtern wie in Mitte oder Harburg besonders stark ausgeprägt. Fachlich ist die Steigerung der Zahlen in diesen Bezirken jedenfalls nicht zu erklären.“

Die Inobhutnahmen von Kindern sind seit 2011 um 13 Prozent gestiegen, bei unter Dreijährigen sogar um 58 Prozent. Wurden 2011 noch 64 Prozent der damals 1.890 Inobhutnahmen fristgerecht beendet, waren es 2016 bei 2.140 Fällen nur noch 36 Prozent. „Das ist Ausdruck einer Jugendhilfepraxis, die um jeden Preis versucht, Fehler zu vermeiden“, erklärt Mehmet Yildiz, kinderpolitischer Sprecher der Fraktion. „So werden die Systeme geschützt, aber nicht die Kinder.“

Auch die im Bundesvergleich sehr kurze Dauer des Aufenthalts in Pflegefamilien fällt auf. „Die mit durchschnittlich 23 Monaten extrem kurze Verweildauer in einer Pflegefamilie ist ein alarmierendes Symptom für unzureichende Rahmenbedingungen“, kritisiert Boeddinghaus. „Zu oft wechseln die Kinder und Jugendlichen von einer Familie zur anderen oder in eine Hilfe zur Erziehung. Dafür bleiben Kinder in Hamburg doppelt so lang im Heim wie im Bundesdurchschnitt – ein weiterer Beleg dafür, dass Hamburgs Kinder- und Jugendhilfe vorrangig auf Heimerziehung setzt und den Pflegekinderbereich vernachlässigt.“

Zum Familieninterventionsteam (FIT) macht der Senat gar keine Angaben, auch zur Dauer von Inobhutnahmen von mehr als 14 Tagen schweigt er, obwohl entsprechende Daten existieren. DIE LINKE stellt deshalb eine weitere Anfrage und wird die Ergebnisse gegebenenfalls in der Enquete-Kommission thematisieren.