Elbtower: Der Zeigefinger von Olaf Scholz zum Abschied

  • 1. März 2018

von Heike Sudmann

Olaf Scholz will den “Elbtower” bauen lassen, ein gigantisches Hochhaus am Rande der HafenCity. Doch stehen Hochhäuser heute noch für eine moderne Stadtplanung – oder ist das Konzept längst überholt? Die Kritik am Bauprojekt scheint berechtigt, denn auch Experten bezweifeln den Nutzen für die Stadt.

Selten war eine Pressekonferenz zur Vorstellung eines Bauvorhabens so gut besucht wie jene am 8. Februar. Das lag sicherlich nicht alleine an dem geplanten höchsten Hochhaus für Hamburg, sondern auch an den hochfliegenden Karriereplänen von Olaf Scholz, die erst kurz vorher bekannt wurden. Jedenfalls freute sich der sonst so emotionsfreie und trockene Finanzminister und Vizekanzler in spe sichtbar über die baulichen Visionen.  So drängte sich bei vielen Beobachter_innen auch der Eindruck auf, hier wolle sich einer ein Denkmal schaffen, frei nach dem Motto: Was dem Ole seine Elbphilharmonie ist, soll dem Olaf sein Elbtower sein.

Daten und beeindruckende Worte  zum Elbtower

Mit 235 Meter Höhe würde der Elbtower das höchste Gebäude in Hamburg und das dritthöchste in Deutschland sein. Die Nutzungen werden in der verteilten Kurzinfo wie folgt angegeben: 70.000 Quadratmeter Büro, 16.000 qm Hotel/Boardinghaus, 11.000 – 13.000 qm Entertainment-Nutzungen (z.B. ein Water-Education-Center, ein Mobility-Experience-Center, ein “House of Pop” oder ein eSports-Center sowie Läden und Gastronomie in Prüfung), 3.000 qm für Kinderland, Fitness, Gastronomie, Außenterrasse.  2.700 bis  über 3.000 Arbeitsplätze, 560 Stellplätze sowie ein Investitonsvolumen von 700 Mio. Euro sind geplant.

Eine Jury, bestehend aus Architekten, Städtebauern und Immobilienfachleuten (H.S.: ob Frauen dabei waren, lässt sich der Pressemitteilung nicht entnehmen), hatte sich einstimmig für den Entwurf von David Chipperfield entschieden. Das Gebäude soll privat errichtet und finanziert werden.

Den “Daten &Fakten” stehen in der Pressemitteilung vom 8. Februar so blumige Beschreibungen wie “skulpturales städtebauliches Pendant zur Elbphilharmonie” und eine “große ikonografische Kraft” gegenüber. Weiter heißt es: “Der Elbtower ist keine Architekturdiva, er steht nicht für Architekturspektakel. In seiner vornehmen und eleganten Gestalt bildet er aus allen Blickrichtungen ein überraschendes Wechselspiel und nimmt einen lebhaften Dialog mit der Nachbarschaft auf.” Wortgeklingel hin oder her, die entscheidende Frage ist, was sagen die Hamburgerinnen und Hamburger zu diesem Hochhaus? In der Jury befanden sich keine Bürger_innen, auch nicht Anwohner_innen der HafenCity, aus Rothenburgsort oder von der Veddel. Auch gab es keine öffentliche Diskussion zu diesem Hochhaus. 

Stadtentwicklung durch Hochhäuser – moderner oder überholter Ansatz?

Hochhäuser sind in Hamburg oft umstritten. Wobei allerdings schon bei der Definition das Problem anfängt. Sieben oder acht Stockwerke hohe Gebäude gelten für einige schon als Hochhäuser und als inakzeptabel. Echte Hochhäuser sind z.B. die Mundsburg-Türme, die in der 1970er Jahren errichtet wurden und deren beiden Wohnhäuser um die 100 Meter hoch sind und knapp 30 Stockwerke haben.

Sind Hochhäuser heute noch ein Ausdruck moderner Stadtplanung? Oder sind sie ein überholter Ansatz und altmodisch? Die Ausführungen der Teilnehmer_innen der Pressekonferenz gehen eindeutig in die Richtung, dass mit dem Elbtower ein wichtiger städtebaulicher Akzent und “ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit der Hansestadt, für Wirtschaftskraft und Mut, die Zukunft zu gestalten”  gesetzt werden kann. In Zeitungsartikeln und Leser_innenbriefen wird oft der sparsame Flächenverbrauch von Hochhäusern angeführt. Ohne Frage ist der Flächenverbrauch eines Hochhauses wesentlich geringer als der eines Einfamilien- oder Doppelhauses. Doch ab einer bestimmten Höhe werden die Flächenersparnisse durch die notwendigen Abstandsflächen zum nächsten Gebäude und durch die erforderlichen Ausgleichs- und Grünflächen stark reduziert.

Wie sich Hochhäuser auf die Stadt auswirken und ob sie dem “menschlichen Maß” entsprechen untersucht der bekannte dänische Stadtplaner und Architekt Jan Gehl. Der auch in Hamburg häufiger zu Vorträgen eingeladene Experte kritisiert die Perspektive vieler Planungen und fordert eine ganzheitliche Planung, die die Stadt im Zusammenhang all ihrer Elemente betrachtet. “Vielerorts befindet sich dieses Ideal aber im Konflikt mit einer Praxis, die in der Moderne wurzelt und sich auf Einzelbauten konzentriert, statt auf ganzheitlich geplante öffentliche Räume. Fotos zeigen Bauherren, Bürgermeister und stolze Architekten über ein städtebauliches Modell gebeugt und illustrieren so die Methode und das Problem: das Projekt wird aus der Vogelperspektive betrachtet.. … Eine derartige Stadtplanung erfolgt in der Regel ausschließlich im ganz großen und mittleren Maßstab und lässt das kleine, menschliche Maß weitgehend außer Acht.” (Gehl, Jan: Städte für Menschen. Jovis-Verlag, Berlin, 3. Auflage 2016, S. 228. Erstausgabe: Byer for Mennesker, 2010,)

Das von Gehl beschriebene Problem ist auch in Hamburg zu erkennen. In der Pressemitteilung vom 8. Februar wird darauf hingewiesen, dass der 235 Meter hohe Turm “ein unverwechselbarer Kristallisationspunkt” sein wird. Gleichzeitig wird aber auch ein Problem beschrieben: “Wegen der hohen Lärm- und Windexponiertheit entsteht auf dem Grundstück kein größerer Platz; stattdessen entsteht im nach Südwesten ausgerichteten niedrigen viergeschossigen Teil des Gebäudes ein geschützter und gefasster Stadtraum mit einem inneren Platz.” Mit anderen Worten wird es am Fuße des Hochhauses sehr unwirtlich sein und damit keinen attraktiven öffentlichen Raum geben können.

Öffentliche Diskussionen statt Schlusspunkt erforderlich

Ich hoffe sehr, dass wir hamburgweit über den Elbtower und auch über Hochhäuser noch viele spannende Diskussionen haben werden. Die Perspektive des Vogels oder der Ameise sowie das menschliche Maß werden dabei wichtige Punkte sein. Eine kleine Jury und eine Absegnung des Elbtowers durch den amtierenden Bürgermeister können  jedenfalls diese Diskussionen nicht ersetzen – und erst recht nicht der Schlusspunkt sein.

 

Foto: Hosoya Schäfer_Chipperfield