Danke und tschüs, Oscar Whyman!

Unser Genosse Oscar Whyman ist tot… und keine*r kann es fassen. 22 Jahre jung und nun nicht mehr da? Haben wir ihn nicht gerade noch auf dem Fraktionsflur gesehen, auf dem Weg zu einem Treffen?

Kennengelernt haben wir Oscar als Praktikant in unserer Bürgerschaftsfraktion. Er war für uns ein Pionier und ein Augenöffner. Er hat uns gelehrt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Während einige sich noch befangen fragten, wie sie mit ihm umgehen sollen/können, hat Oscar einfach gezeigt, wie es geht. Hat seinen Sprachcomputer angeschmissen und gefragt, was machst du in der Bürgerschaft, wie ist es im Ausschuss und ich würde gerne was zum Thema XY machen. Mit Engagement hat er sich in Themen eingearbeitet, hat Anfragen an den Senat entworfen, als wenn er schon immer bei uns gewesen wäre.

Er hat uns so klar und so nachvollziehbar vor Augen geführt, wie die Welt für einen Menschen ist, der im Rollstuhl sitzt. Wie die Umwelt und die Gesellschaft ihn täglich behindern. Hier nur eine kleine Auswahl, die wir live miterleben mussten:

  • kein Bus, der automatisch eine Rollstuhlrampe ausfährt
  • parkende Autos, die den abgesenkten Bürgersteig blockieren und ein Durchkommen unmöglich machen
  • ein Rathaus, in dem die Fahrstühle öfters ausfallen und Oscar dann nur über verschlungene Wege und Lieferantenfahrstühle an sein Ziel kommt
  • neben vielen Vorurteilen auch die Vermutung, dass so ein junger Mann doch nicht selbst auf die Idee kommen kann, der Bürgerschaftsverwaltung zu schreiben, dass er es unmöglich findet, wenn Inklusionsthemen nicht in barrierefreien Räumen verhandelt werden. Zurecht war Oscar empört, dass ihm unterstellt wurde, er würde sich von der Linksfraktion instrumentalisieren lassen
  • es wurde über ihn, im Rollstuhl sitzend, hinweggeredet, als sei er nicht da

Das Beeindruckendste an Oscar war, dass er trotz all dieser Widrigkeiten und Behinderungen nicht ansatzweise verbittert war. Ganz im Gegenteil. Oscar hat so viel Freude ausgestrahlt, Offenheit für andere Menschen und alle möglichen Themen. Und das alles gepaart mit einem feinen Humor und so vielen klugen Gedanken.

Von Oscars Kreativität haben wir viel zu wenig erlebt. Teilweise haben wir erst aus der Presse erfahren, dass Oscar ein Kinderbuch gemacht hat, damit auf Lesungen gegangen ist. Und dass – neben dem Hockey – seine große Leidenschaft die Musik, der Rap, war. Zusammen mit seinen zwei Freunden, Darrel und Sam, die jetzt Songs in seinem Namen veröffentlichen werden. Wie schrieb ein Kollege: „Ich war mir sicher, dass aus dir mal ein Promi wird.“ Und eigentlich war er es ja auch schon: Mopo, NDR und andere berichteten im letzten Jahr groß über Oscar und seine Lesung. Sie hätten in Zukunft sicher noch viel mehr geschrieben und gesendet. Stattdessen jetzt in der Mopo: nur noch der Nachruf.

Oscar war so glücklich, dass er nach seinem erfolgreichen Schulabschluss bei unserem inklusionspolitischen Sprecher, Thomas Meyer, einen Job anfangen konnte. Einen besseren Experten hätte Thomas nicht finden können. Gemeinsam mit Wiebke Fuchs haben die drei viele Ideen ausgeheckt. Seine Familie schrieb uns, dass die politische Arbeit der Höhepunkt für Oscar war und gesagt hatte: „Ich fange ganz oben an und nicht unten.“

Die LAG Bildung hält ihn ihrem Nachruf fest: „Oscar fehlt mit seiner Expertise, mit seinem riesigen Engagement, mit seinem schrägen Humor, mit seiner Lust, Schranken und Grenzen einzureißen und mit seinem superguten, klugen Verstand. Die LAG Bildung hat ihn auf ihrem Treffen diese Woche schrecklich vermisst und wird ihn immer vermissen. Es war ein Geschenk, ihn zu kennen.“ Eine Genossin ergänzt: „Gäbe es einen Himmel, bin ich sicher, du würdest auch dort für Gerechtigkeit und Gleichheit eintreten.“

Es ist unbegreiflich, dass Oscar so früh gehen musste. Was bleibt, ist die große Dankbarkeit, dass wir Oscar kennenlernen und mit ihm zusammenarbeiten durften. Sein Platz in unseren Herzen ist unvergänglich.

Im Namen der Bürgerschaftsfraktion
Heike Sudmann, Co-Fraktionsvorsitzende