Rette die OKJA, Dagobert Dressel!
Unterfinanziert und sanierungsbedürftig – die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Hamburg
Zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit gehören in Hamburg 249 geförderte Einrichtungen: Häuser der Jugend, Jugendclubs und -cafés, Bauspielplätze, Spielhäuser und vieles mehr. Wir brauchen jede einzelne Einrichtung dringend, denn dort wird Demokratie gelernt und gelebt.
OKJA-Einrichtungen sind Orte, an denen Kinder und Jugendliche sie selbst sein können. Es gibt keinen Druck von Erwachsenen und keine festen Erwartungen. Man kann mitentscheiden, Neues ausprobieren und viele unterschiedliche Menschen kennenlernen. Die Orte bieten Schutz und sind wichtig, um zu lernen, wie Mitbestimmung und Demokratie funktionieren.
Klingt mega! Was also läuft so schief, dass wir den Finanzsenator Andreas Dressel direkt adressieren? Na, die Finanzierung!
1000 Töpfe, kein Rezept
Die Gelder für Jugendarbeit stammen aus vielen verschiedenen Töpfen mit unterschiedlichen Regeln. Dadurch fehlen Überblick, Transparenz, Planbarkeit auf längere Sicht und Flexibilität, um auf akute Probleme in Stadtteilen zu reagieren. Viele Förderungen sind zeitlich befristete Projektmittel, keine dauerhafte Absicherung der Einrichtung selbst. Es gibt Einrichtungen, die sich seit 50 Jahren über immer wieder neu zu beantragende, temporäre Projektmittel finanzieren. Das wirkt planlos, als würde sich der Senat darauf verlassen, dass die Einrichtungen und ihre Träger die Jugendarbeit schon irgendwie am Köcheln halten.
Was wäre richtig? Eine beteiligende, sozialräumliche und inklusive Jugendhilfeplanung, die gemeinsam mit allen Beteiligten gestaltet wird.
Mega coole Einrichtungen, zu wenig Personal
Wie eine Anfrage von uns zeigt, sind 123 der aktuell 249 in Hamburg geförderten Einrichtungen der OKJA mit weniger als zwei Vollzeitstellen ausgestattet. Im Fall von Urlaub oder Krankheit bleiben Jugendclubs, Bauspielplätze, Spielhäuser und Co. deshalb oft und notgedrungen einfach zu. Nur 17 der 249 Einrichtungen haben 3 oder mehr Vollzeitstellen, die das besser ausgleichen können.
Eindrücklich zeigt dies das Beispiel von Sandra Kloke, InVia e.V.: „In Bergedorf wurde kürzlich ein Jugendhaus-Neubau in Anwesenheit von unter anderem Andreas Dressel und Dirk Bange eingeweiht. Bei diesem Haus wurden für 2026 47% der Sach- und Betriebskosten gekürzt, so dass wir das Haus mit einer halben Stelle nur an drei Tagen öffnen können, die Stellenaufstockung wurde befürwortet, aber nicht finanziert, sodass wir de facto am 31.5. wieder schließen, da uns schlicht das Geld fehlt, das Haus zu bewirtschaften!“
Dressel bestellt, aber bezahlt nicht
Vollkommen korrekte und in unserer teuren Stadt auch nötige Tariferhöhungen setzen die Einrichtungen und ihre Träger weiter unter finanziellen Druck. Die Tarifverträge in der OKJA orientieren sich an den Tarifverträgen für den Öffentlichen Dienst. Die verhandelt Finanzsenator Dressel mit – und Tariftreue sollte für einen SPD-Senator eigentlich selbstverständlich sein. Warum also müssen die steigenden Personalkosten für freie Träger nach jeder Tarifrunde erneut bei der zuständigen Behörde erkämpft werden?
Ein großer Berg Bürokratie, um am Aufstieg zu verzweifeln
Die Finanzierungswege sind durch Antrags- und Berichtsvorgaben mit erheblichem Verwaltungsaufwand verbunden, der von den ohnehin knappen Personalstunden abgezwackt werden muss. Vergütet bekommen gerade die freien Träger den Aufwand für Antragstellung und Dokumentation nämlich nicht.
Sanierungsbedarf fast überall
Die Expert*innen in Bezirken und Jugendhilfeausschüssen dürfen nicht über die benötigte Gesamthöhe der Mittel entscheiden. Die kommt aus dem Haushaltsplan des rot-grünen Senats. Offensichtlich nicht immer mit ausreichend Expertise, denn Bezirke melden regelmäßig mehr Bedarf als dann in den Plan übernommen wird. Die Folgen kann man neben dem fehlenden Personal auch in den Häusern sehen: Bei 27 Mietobjekten gibt es nach einer Anfrage der Linksfraktion keine Informationen zum Sanierungsbedarf. Vom Rest gelten nur 6 Einrichtungen als „nicht sanierungsbedürftig“.
Hamburg kann mehr und muss mehr tun
Mit dem Sozialgesetzbuch (SGB VIII) gibt es ein Recht auf Jugendhilfe. Zu den Leistungen der Jugendhilfe gehört die Jugendarbeit mit OKJA, Jugendsozialarbeit, Familienförderung und Jugendverbänden. Und der gesetzlich vorgeschriebene „angemessene Anteil“ für Jugendarbeit an den Gesamtaufwendungen der Kinder- und Jugendhilfe wird im 11. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit „mindestens 15%“1 beziffert.
Und – liefert Hamburg diese 15 Prozent? Nein! Selbst wenn wir den gesamten Kita-Bereich ausklammern und Erlöse vernachlässigen, liegt der Anteil bei beschämenden 4 Prozent!
Die fehlenden Prozente brauchen wir on top und nicht bei den anderen Hilfen abgezwackt. Denn die Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe wollen und sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Aktuell verlagert sich der Fokus vom positiven Gestaltungsanspruch der Jugendhilfe hin zu defizitorientierten, kontrollierenden und kostenintensiven Kriseninterventionen. Bei auffälligem Verhalten gibt es Soziale Gruppenarbeit nach §29 SGBVIII, Probleme in der Familie werden mit Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH), §31 SGB VIII behandelt, Schulprobleme in einer Tagesgruppe nach §32 SGB VIII und wenn das alles nicht hilft, gibt es eine stationäre Unterbringung nach §34 SGB VIII. So werden Probleme einzeln „repariert“, ohne dass strukturell eine Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen erreicht wird.
Jede Einzelfallhilfe ist wichtig. Aber gleichzeitig brauchen wir mehr und sicher finanzierte Jugendarbeit. Denn einer reichen Stadt wie Hamburg muss gelingen, was gesetzlich von der Jugendhilfe gefordert wird, nämlich: „positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“ Das ist kein Luxus, sondern eine gesetzliche Pflichtaufgabe aus dem Sozialgesetzbuch. Auf geht’s!
Wer 10 Minuten Lesemuße hat, liest zusätzlich diesen sehr lohnenswerten Text von Andreas Scheibner, Sozialpädagoge und aktiv im Hamburger Sozialratschlag: „Zur Lage der Kinder- und Jugendhilfe in Hamburg und ihrer Finanzierung“
Über Mails freut sich Finanzsenator Andreas Dressel: naqernf.qerffry@so.unzohet.qr
1 Elfter Kinder- und Jugendbericht, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Die Jugendarbeit ist ein unverzichtbares Lernfeld für zivile Formen des Interessensausgleichs und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen in demokratischen Verfahren. Für alle Strukturen und Aufgaben der Jugendarbeit muss der Träger der öffentlichen Jugendhilfe einen angemessenen Anteil der gesamten Jugendhilfemittel bereitstellen (§ 79 Abs. 2 KJHG), der allerdings nicht näher quantifizierbar ist und somit Aushandlungsprozessen auf örtlicher Ebene unterliegt. Trotz der Schwierigkeiten, eine exakte Größenordnung zu errechnen, sollte der Anteil der Mittel für die Kinder- und Jugendarbeit am kommunalen Etat der Kinder- und Jugendhilfe mindestens 15 % betragen.“

