Die Fußball-EM 2024 in Hamburg:
Viele Fragen, wenig Antworten

Von Mehmet Yildiz und Yann Chaudesaigues

Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland? Da denken viele sofort an das „Sommermärchen 2006″. Nun bewirbt sich der DFB um die Europameisterschaft 2024, was die Herzen vieler Fußballfans höher schlagen lässt. Der Sport steht dabei aber nicht im Mittelpunkt – ebenso wenig wie bei Olympia oder anderen Sport-Großevents.

Dass Hamburg Austragungsstadt der EM 2024 werden möchte, ist erstmal nicht verwerflich. Doch jede Ausrichterstadt muss sich dem Reglement der UEFA unterwerfen. Und die abzuschließenden Verträge haben es  in sich, denn darin wird etwa mal eben das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit außer Kraft gesetzt: In den sogenannten „kommerziellen Zonen”, die ca. 500 Meter rund um das jeweilige Stadion gelten, sollen Demonstrationen oder andere Kundgebungen unterbunden werden. Außerdem dürfen Kneipen in der Nähe des Stadions – wobei „Nähe” hierbei noch nicht genau definiert ist – keine Public Viewing-Leinwände aufbauen, schließlich sollen die offiziellen Fan-Zonen voll werden. Dies wiederum ist jedoch ein nicht hinnehmbarer Eingriff in die Rechte der Gewerbetreibenden, der verhindert, dass die lokale Hamburger Wirtschaft von der EM- Ausrichtung überhaupt profitieren könnte. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann-Rhiem findet in den Verträgen verfassungswidrige  Passagen. Versammlungen dürften “dann verboten werden, wenn etwa Gewalttätigkeiten drohen oder die öffentliche Sicherheit gefährdet ist”, sagte der Jurist am 19. September bei “Panorama 3”, nicht aber, “um kommerzielle Interessen eines Fußballverbandes zu schützen oder unerwünschte Äußerungen zum Sport pauschal zu verhindern.”

Hamburg hat aus „Nolympia” nichts gelernt

Der eine oder die andere erinnert sich noch daran, dass DIE LINKE Hamburg schon bei der Olympia-Bewerbung auf ebensolche Passagen in den Verträgen des IOC hingewiesen hatte. Dem Hamburger Senat aber scheint völlig egal zu sein, was er da unterschreibt. So hat Rot-Grün schon jetzt, also noch in der Bewerbungsphase, weitreichende Zusagen in den so genannten Verpflichtungserklärungen gemacht. Dabei geht es auch anders: Dass Knebelverträge nicht widerspruchslos zu akzeptieren sind hat die rot-grüne Landesregierung in Bremen gezeigt. Der Bremer Staatsrat Ekkehart Siering wollte die Verträge so nicht unterzeichnen, er setzte sich für eine Änderung des Vertragstextes ein: „Wirtschaft allein kann keine Gesetze außer Kraft setzen. Wir haben eine Rechtsordnung in Deutschland, an die halten wir uns auch. Wir können an der Stelle keine Ausnahme machen, weil es zum Beispiel besonders lukrativ sein könnte. Gesetze gelten für alle“, sagte Siering.

Und in Hamburg? Rot-Grün hat aus der von der Bevölkerung abgelehnten Olympiabewerbung noch immer nichts gelernt. Sport-Großevents wie Olympia oder die Teilausrichtung der EM 2024 kosten Milliarden von Euro, bringen aber weder den Menschen noch den Städten etwas. Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die Austragung von EM-Spielen in Hamburg an sich. Uns geht es um mehr Transparenz für die Hamburger_innen.

Host City-Verträge: Transparenz statt Grundrechtsverletzungen!

Weil die Verträge der UEFA und die Host-City-Verträge für ihre Einseitigkeit bekannt sind,  setzen wir uns dafür ein, dass der abgeschlossene Bewerbungsprozess transparent gemacht und die Verträge so geändert werden, dass auch die breite Masse der Hamburger_innen vom Sport-Event profitiert – sodass sich nicht nur Funktionär_innen und Sponsor_innen von UEFA & Co. die Taschen vollstopfen können. Schließlich ist die UEFA seit Jahrzehnten mit korrupten Funktionären durchsetzt. Nach Michel Platinis Wahl zum UEFA-Präsidenten 2007 sollte zwar „alles besser werden” – doch getan hat sich überhaupt nichts. Man kann getrost sagen, dass die UEFA ebenso korrupt ist wie das IOC. Auch die vielen offenen Fragen rund um das „Sommermärchen” 2006 und die eventuellen Zahlungen an Franz Beckenbauer sind bis heute nicht aufgeklärt. Ein weiterer Punkt sind die zu erwartenden Kosten bis 2024, die noch gar nicht seriös beziffert werden können. Die nun angegebenen Kosten (sofern überhaupt veröffentlicht) werden bis 2024 durch die Inflation gestiegen sein.

Milliardenkosten für die Ausrichter, Gewinne für UEFA und Sponsoren

Auch die Kostenfrage birgt große Risiken für Hamburg: Bei den UEFA-Verträgen übernehmen die Ausrichterstädte das finanzielle Risiko, haben aber im Gegenzug kaum Mitbestimmungsrechte. Alles wird von der UEFA vorgegeben, sogar, welches Bier in einen bestimmten Umkreis des Stadions verkauft und getrunken werden darf. Die Gewinne fließen fast ausschließlich zur UEFA und den Sponsor_innen, die Kosten übernehmen die Steuerzahler_innen.

Die EM in Polen und der Ukraine zeigt, wie teuer das Spektakel für Hamburg ungefähr werden könnte: Die Gesamtkosten beliefen sich dort offiziell auf rund zwölf Milliarden Euro, die Opposition schätzt die Kosten aber um ein Vielfaches höher ein. Davon wurden nach offiziellen Angaben fünf Milliarden Euro mit Steuergeld bezahlt. Allein die Kosten für Infrastruktur-Maßnahmen lagen bei etwa fünf Milliarden Euro – dabei sollen bis zu 40 Prozent in „dunkle Kanäle geflossen” sein.

Bei der EM 2016 in Frankreich kosteten allein die Stadion-Sanierungen 1,65 Milliarden Euro, im Schnitt mussten die Arenen also für jeweils knapp 150 Millionen Euro nachgerüstet werden. Die Sicherheitskosten für die verpflichtend einzurichtenden „Fan-Zonen” beliefen sich auf knapp 25 Millionen Euro. Bis heute ist in Frankreich nicht ganz klar, wer was bezahlen soll. Genau das droht uns in Hamburg auch – denn für die Kosten des Ganzen will niemand so recht aufkommen.

Viel Aufwand, kaum Nutzen

Ein Wirtschaftswachstum ist nach der Fußball-EM auch nicht zu erwarten. So betrug das auf die WM 2006 in Deutschland zurückzuführende Wirtschaftswachstum nur 0,02 Prozent. Sind es diese 0,02 Prozent Wachstum wirklich wert, wenn man bedenkt, wie viel Geld die Ausrichtung der Meisterschaft kostete?

Außer Stress, vollen Plätzen und einer hohen Präsenz von Polizei und Sicherheitsdiensten werden die Hamburger_innen wenig von der EM und ähnlichen Groß-Events haben. Die Kosten werden wie immer verschleiert und klein gerechnet, wie viel die Hansestadt am Ende wirklich bezahlen muss, bleibt unklar. Es wird wie immer laufen: Die Kosten werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.

DIE LINKE wird die Vorgänge rund um die EM 2024 daher aufmerksam verfolgen und kritisch aufarbeiten. Wir fordern die Veröffentlichung der Verträge mit der UEFA und die Möglichkeit von Nachregelungen.

Wer soll das bezahlen?!

Möchten wir Hamburger_innen eine vollkommen undurchsichtige EM haben, bei der niemand so recht weiß, wer was und wie viel zahlen muss? Wer soll in welchen Umfang für die nötigen Sanierungsarbeiten der Stadienaufkommen? Wer bezahlt für die Fan-Zonen und die dadurch entstehenden Sicherheitskosten? Der DFB, die UEFA, der Bund oder doch die Hamburger_innen? Welche Garantien und Pflichten gehen wir als Stadt ein, damit die EM hier ausgetragen wird? Ist es nicht unfair, dass die lokale Hamburger Wirtschaft nicht in dem Maße profitieren kann, wie es eigentlich angebracht wäre, sondern die Gewinne an internationale Großkonzerne gehen? Und wollen wir in Hamburg eigene UEFA-Schnellgerichte, wie sie die FIFA bei der WM in Brasilien hatte?

Wir werden diese unbequemen Fragen öffentlich stellen und auf Transparenz pochen.

 

Foto: TheBlues – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11096266