Notlage beim KJND: Zahl der Fälle explodiert und zeigt die sozialen Verwerfungen

Der Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) hat eine zentrale Aufgabe im Kinderschutz: Er nimmt Kinder und Jugendliche in akuten Gefährdungslagen in Obhut und soll ihnen Schutz, Versorgung und pädagogische Stabilisierung bieten. Die aktuelle Lage des KJND ist dabei nicht isoliert – sie steht in engem Zusammenhang mit den Belastungen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der Inobhutnahmen veranlasst, Gefährdungslagen einschätzt, Hilfen plant und Anschlussperspektiven entwickeln muss.
Eine aktuelle Anfrage der Linksfraktion zeigt, dass sich die Situation nicht entspannt hat. Im Gegenteil: Die akuten Kindeswohlgefährdungen haben mit 1.423 im aktuellen Berichtsjahr 2024 einen vorläufigen Höchststand erreicht. Vor zehn Jahren waren es noch 523 Fälle. Explodiert ist ebenso die Zahl der Fälle, in denen zwar keine Kindeswohlgefährdung besteht, aber ein weiterer Hilfebedarf festgestellt wurde. Hier stiegen die Zahlen in den letzten zehn Jahren von 396 auf 2.040 Fälle – um alarmierende 415 Prozent.
Dazu Jan Libbertz, familienpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft: „Hier ist mehr Hilfe nötig – und nicht weniger: Es darf keine Kürzungen in der Jugendhilfe geben, wie sie in Bund-Länder-Runden bereits vorbereitet werden. Und die Hilfe muss schnell wirken können: Unterstützung bei Anträgen, damit Familien das Geld und die Leistungen bekommen, die ihnen gesetzlich zustehen. Ein sicher finanziertes Netz, das Familien auffängt, wenn sie straucheln: mit frühen Hilfen, Elternschulen, Familienberatung und Offener Kinder- und Jugendarbeit in Jugendclubs und Häusern der Jugend. Direkt in den Stadtteilen, täglich geöffnet – eben Hilfe vor der Haustür. Und gute Familienpolitik ist auch gute Wohnungspolitik. Zu viele Familien wohnen viel zu beengt und viel zu teuer. Im Gegenzug steigt die Zahl der Ferienwohnungen jedes Jahr auf einen neuen Höchststand und beinahe jede fünfte Wohnung – zentrumsnah bald jede dritte – wird in Hamburg mittlerweile möbliert oder auf Zeit angeboten. Das ist das Gegenteil von gutem, sicheren Wohnen. Bauen ist nötig angesichts einer wachsenden Bevölkerung. Aber genauso wichtig ist Mieter*innenschutz. Vielleicht geht der nächste appellierende Brief des Bürgermeisters mal an Vermieter*innen und erinnert sie an ihre soziale Verantwortung, an geltende Gesetze und an die Möglichkeit, unsoziale Gesetzeslücken auch mal links liegen zu lassen.“